Was ist Sünde?

Was ist Sünde? Die scheinbare Trennung von Ich und dem Universum.

In den christlichen Kirchen spielt der Begriff der Sünde eine große Rolle. Meistens wird darunter moralisches Fehlverhalten verstanden. Doch das ist in Wirklichkeit nur eine Auswirkung von dem, was Sünde tatsächlich bedeutet. Sünde kommt von „sich absondern“. Es bedeutet daher ein Getrenntsein. Ein Getrenntsein von Gott, vom großen Ganzen.

Wir können nicht von Gott getrennt sein

In Wirklichkeit kann das natürlich gar nicht sein. Wenn Gott per definitionem das Allumfassende ist, ist es gar nicht möglich, von Ihm getrennt zu sein. Vielmehr geht es um den Glauben, die falsche Wahrnehmung, die Illusion der Trennung von Gott, der die meisten Menschen unterliegen. Eine kollektive Täuschung, die wir schon von klein auf haben. Deshalb wird auch von der Erbsünde gesprochen. Es ist also nichts, was wir durch unser Handeln erwerben. Vielmehr ist es etwas, aus dem viele Handlungen entspringen, die wir dann gemeinhin als Sünde bezeichnen.

Sünde ist die illusorische Trennung von Subjekt und Objekten

Aber worin besteht diese Illusion? Sie besteht in unserer Vorstellung, dass es da ein Ich, ein Subjekt gibt und viele Objekte, die nicht ich sind und die ich als außerhalb von mir wahrnehme.

Schon in meiner Jugend kam mir das höchst seltsam vor. Ich bin einer von (damals) ca. 6 Milliarden Menschen auf dieser Erde. Außer den Menschen gibt es noch zahlreiche andere Lebewesen. Die Erde ist der dritte Planet von einer von Milliarden (wahrscheinlich noch viel mehr) Sonnen in der Milchstraße, die wiederum nur eine von unvorstellbar vielen Galaxien am Rande des Universums ist. Und dieses eine, vollkommen unbedeutende Wesen unterscheidet sich vom gesamten Rest dieses gewaltigen Universums in einem ganz wesentlichen Punkt: Nämlich, dass das Ich-Bewusstsein ausgerechnet in diesem kleinen Menschlein steckt und alles andere Nicht-Ich ist.

Warum bin ich ausgerechnet ich?

Warum ist das so? Warum ist das Ich-Bewusstsein ausgerechnet in diesem Wesen und nirgendwo sonst? Wie kann das sein? Diese Fragen stellte ich mir schon, als ich ca. 18 Jahre alt war. Ich fand das ausgesprochen unlogisch und hatte das Gefühl, dass an dieser Wahrnehmung irgendetwas faul sein musste. Als ich mich fragte, was denn logisch wäre, kam ich auf zwei Antworten: Entweder, dass das Ich-Bewusstsein nach Belieben in verschiedene Wesen schlüpfen kann, etwa wie der Autor eines Romans eine Geschichte abwechselnd aus der Ich-Perspektive verschiedener Protagonisten erzählen kann, oder dass ich alles bin, das ganze Universum.

Gott und das ganze Universum sein

Beides entsprach aber absolut nicht meiner Wahrnehmung und ich hielt diese Vorstellung für das philosophische Gedankenexperiment eines jungen Mädchens, bis ich – ca. 10 Jahre später – auf Aussagen großer Mystiker stieß, die genau das propagierten: Ich bin das Universum, ich bin Gott, ich bin das All-Eine. Es gibt nichts außerhalb von mir. Wow! Das war für mich die Bestätigung, dass es tatsächlich so war, wie es meiner Meinung nach sein musste, auch wenn ich es nicht so empfand. Aber wie komme ich zu dieser überwältigenden Erfahrung?

Wenn ich Bewusstsein bin, umfasse ich alles

Vor ca. 15 Jahren wurde mir endlich klar, was der springende Punkt ist: Ich bin Geist. Ich bin Bewusstsein, reines Bewusstsein. Und das gesamte Universum befindet sich in diesem Bewusstsein. Der Geist wohnt nicht im Körper, sondern der Körper ist Inhalt des Geistes. Und alles andere auch. Das Bewusstsein ist also viel, viel größer als dieser Körper und diese Person. Und Bewusstsein gibt es nur in der Einzahl. Es gibt nur EIN Bewusstsein!

Das ist es auch, was die Mystiker aller Religionen in allen Teilen der Welt seit Tausenden von Jahren erkannt und gelehrt haben. In Indien spricht man von Maya, dem Schleier der Täuschung, der uns daran hindert, die Wahrheit zu erkennen, dass es keine Trennung gibt zwischen mir, Gott und dem Universum.

Identifikation mit einem Ich, das es nicht gibt

Und im Christentum wird genau das als Sünde bezeichnet: Unsere Identifikation mit einem bestimmten Wesen und der Trennung der Welt in Subjekt und Objekte, in Ich und Nicht-Ich. Diese Vorstellung der Trennung führt dann in weiterer Folge zu all den Problemen, mit denen wir uns auf dieser Welt herumschlagen. Jeder versucht, sich gegenüber anderen durchzusetzen, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, für sich etwas zu ergattern. Notfalls auch, indem anderen bewusst Leid zugefügt wird. Oder das Leid anderer ist uns gleichgültig. Jeder versucht, sein Ich aufzupolieren, etwas zu gelten, gut dazustehen vor anderen, Besitz und Ehren anzuhäufen. Dieses scheinbare Ich ist beleidigt oder stolz, will dieses und lehnt anderes ab. Diese Vorstellung von Trennung ist der Stoff aller Dramen. Und im Extremfall führt sie zu Mord, Krieg, Folter und Vertreibung.

Erlösung ist das Erfahren der Einheit

Diese Ur-Sünde, diese irrige Vorstellung von Getrenntheit, ist also die Wurzel allen Übels, allen Leidens. Und alle Religionen lehren spirituelle Wege, um diese Wurzel abzuschneiden und zu der Erkenntnis der Einheit zu kommen. Wenn diese Erkenntnis dauerhaft integriert ist, wird das dann Erlösung, Befreiung, Erleuchtung oder Selbst-Erkenntnis genannt.

Yoga und seine positiven Nebenwirkungen

Wege dazu gibt es viele, obwohl die Essenz immer dieselbe ist. Einer dieser Wege nennt sich Yoga. Yoga bedeutet Vereinigung. Er ist sowohl der Weg als auch das Ziel. Das Geniale am Weg des Yoga ist seine Ganzheitlichkeit. Er bezieht alle Ebenen des menschlichen Daseins mit ein: Körper, Energiesystem, Psyche, Geist und Bewusstsein. Auf dem Weg des Yoga gibt es zahlreiche positive Nebenwirkungen. Und die meisten Menschen praktizieren Yoga wegen dieser Nebenwirkungen. Dazu gehören etwa Fitness, Wohlbefinden, Entspannung und bessere Konzentration. Prinzipiell ist dagegen auch überhaupt nichts einzuwenden. Aber letztlich zielt alles, was wir im Yoga üben, auf das eine große Ziel ab: Die Ur-Sünde zu überwinden und die All-Einheit mit Gott und dem Universum zu erfahren. Das war auch die Mission Jesu: „Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind.“ (Joh. 17, 23)

Auf dem Weg des Yoga zur Einheitserfahrung

Wenn auch du den unübertroffenen Weg des Yoga beschreiten willst, dann wähle den für dich passenden Kurs aus. In den Yoga Basiskursen lernst du die Grundtechniken, die dir helfen, in einen tieferen Bewusstseinszustand zu kommen. Im Yoga Vertiefungskurs kannst du dann tiefer in die geistigen Dimensionen des Yoga vordringen. Noch mehr Möglichkeiten, deine Praxis zu vertiefen, hast du in den Yoga Wochenenden. Und wenn du dich ausschließlich auf die Meditation konzentrieren willst, ohne auch andere Yoga-Techniken zu üben, bietet sich der Meditationskurs an.

7 Gedanken zu “Was ist Sünde?”

  1. Liebe Silvia,
    da ich mich jahrzehntelang auf dem Irrweg der Esoterik befand und mich in dem letzten Jahr sehr intensiv mit Religion und vor allem der Bibel auseinandergesetzt habe, möchte ich gern ein paar Wort zu deinem Beitrag „Was ist Sünde“ schreiben.
    Da müssen wir zuerst einmal hinschauen, wie Gott in der Bibel erklärt wird. Gott ist allgegenwärtig, das heißt, er ist immer da, er ist der Schöpfer, nicht aber die Schöpfung selbst. Das ist eine Sicht, die so in der Bibel nirgends steht (Pantheismus/Animismus). Gott hat uns den Heiligen Geist gesandt als eine Person der Trinität, die jeden bekennenden Christen begleitet. Ob wir auf ihn hören, ist wieder eine Sache des freien Willens. Das „Ich-Bewusstsein“ als philosophisches Konzept ist nicht dafür geeignet, Gott zu erklären. Gott ist kein Bewusstsein – das ist wiederum ein nicht-biblisches Konstrukt. Der Irrglaube liegt auch darin, zu glauben, dass Gott als Schöpfer zugleich die Schöpfung ist. Das steht so nirgends in der Heiligen Schrift, Gottes Wort. Gott ist immer in deiner Nähe und in dir (als Heiliger Geist), aber du selbst bist NICHT Gott.
    Was ist nun Sünde. In der Bibel ist keine Rede von „Energien“ und auch nicht nur von „moralischem Fehlverhalten“, sondern davon, dass Gott uns den freien Willen gegeben hat, zu entscheiden. Das heißt, auch wenn Gott IMMER an meiner Seite ist, kann ich entscheiden, was ich mache – sündige (= gegen Gottes Willen handle) oder den Weg mit Jesus gehe und seinen Willen tue. Sünde ist also ein menschliches Verhalten, dass Gottes Willen widerspricht. Sünde kann so groß wie eine Mauer sein, die zwischen dem Menschen und Gott steht (Trennung), Jes 59,2.
    Erbsünde bedeutet, dass wir seither alle bereits als Sünder geboren werden. Das heißt, dass wir alle stets der Versuchung ausgesetzt sind uns gegen Gott und für Satan zu entscheiden.
    Keinesfalls aber sind wir Gott! Wären wir das, könnten wir nicht in Versuchung geführt werden und Gott hätte uns nicht mit dem Tod Jesu erlösen müssen.
    Du schreibst: „Und alle Religionen lehren spirituelle Wege, um diese Wurzel abzuschneiden und zu der Erkenntnis der Einheit zu kommen. Wenn diese Erkenntnis dauerhaft integriert ist, wird das dann Erlösung, Befreiung, Erleuchtung oder Selbst-Erkenntnis genannt.“
    Das ist keinesfalls für alle Religionen gültig! Das Christentum spricht nirgends davon, eine Wurzel abzuschneiden und schon gar nicht von Erleuchtung – da sprichst du wahrscheinlich vom Buddhismus?
    Weiter schreibst du: „Aber letztlich zielt alles, was wir im Yoga üben, auf das eine große Ziel ab: Die Ur-Sünde zu überwinden und die All-Einheit mit Gott und dem Universum zu erfahren. Das war auch die Mission Jesu: „Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind.“ (Joh. 17, 23).“
    Sorry, wenn ich das jetzt so sage, aber da stellen sich mir die Haare auf! Diese esoterische Ansicht über die Ur-Sünde und eine „All-Einheit mit Gott“ wie du es nennst, sind KEINE christlichen Botschaften und schon sicher nicht die Mission Jesu! Es ist einfach grauenhaft, wenn einzelne Bibelverse einfach aus dem Zusammenhang gerissen werden und sie ohne den wahren Gehalt für esoterische Halbwahrheiten herhalten müssen. 1. Jesus bittet in diesem Abschnitt des Johannesevangeliums NICHT für alle Menschen, sondern nur für jene, die an ihn glauben, durch ihn geheiligt und errettet sind. Das kann dann schon im esoterischen Sinne „wir sind alles EINS“ nicht funktionieren. 2. Das „Universum“ – was soll das sein? Es gibt nur Gott: Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist. Keine Kraft, kein All-Eins-Sein, kein Universum … 3. Mit „eins sein“ ist in der Bibel gemeint, dass all jene, die mit Jesus gehen, eins sind im Glauben an Gott und gemeinsam das ewige Leben haben werden. 4. Wichtig ist noch, dass die Herrlichkeit, die uns gegeben wird, keine Werkgerechtigkeit ist, sondern Teil des Erlösungswerks Jesu Christi. Das ist ganz wichtig! Wir selbst können uns NICHT erlösen (z.B. durch getane Werke). Dein genannter Vers ist übrigens Johannes, 17,22.
    Vor allem die Esoterik will den Menschen weismachen, sie selbst seien Gott – weil ja immer EINS mit ihm – und sie selbst hätten ihr Leben in der Hand. Das ist ganz und gar nicht der Fall! Nur wenn wir unser Leben in Gottes Hände legen und nach seinem Willen leben (das alleine zeigt schon, dass wir nicht zugleich Gott sein können!), leben wir im Glauben. Ohne Sünde zu leben, geht bis ans Lebensende nicht! Darum rettet Gott jeden von uns mit dem Tod Jesu am Kreuz, dass wir nach unserem Tod – so wir einzig und allein an Jesus als unseren Erretter geglaubt haben – mit Jesus an unserer Seite ins Himmelreich kommen.
    Fazit aus christlicher Sicht: Bitte nicht esoterische Ansichten, philosophische Lehren und die Heilige Schrift als einzig wahres Gottes Wort durcheinandermischen und ein eigenes Glaubenskonstrukt daraus basteln. Weil ich es in einem anderen Beitrag gesehen habe: Jesus ist kein Meister, sondern Gottes Sohn und Gott selbst (Trinität)! Wer wirklich Gott verstehen will, muss die Bibel mit Christen zusammen studieren, sie im Zusammenhang lesen und bitte nicht nur einzelne Verse rauspicken und auf eigene (esoterische) Ansichten hin auslegen. Ich wünsche Dir und allen Leser*innen Gottes Segen!

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    1. Liebe Uli,

      es freut mich, dass du meine Blogs liest und ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, sie so ausführlich zu kommentieren. Ich habe mir angeschaut, was du auf deiner Website über deinen eigenen Weg geschrieben hast. Du hast offenbar ziemlich intensive Erfahrungen mit diversen Praktiken und sektenartigen Gruppen gemacht, die dem zuzuordnen sind, was gemeinhin mit „Esoterik“ bezeichnet wird. Was nicht gleichzusetzen ist mit der ursprünglichen Bedeutung von Esoterik, nämlich der Innenseite von Religion, der tieferen, oft verborgenen Bedeutung religiöser Lehren, die nur selbst erfahren werden können, im Gegensatz zur Exoterik, der Außenseite von Religion, womit Strukturen, Formalismen, Bräuche und Rituale, Schriften, Dogmen, Normen etc. gemeint sind. Aber das nur am Rande.

      Ich habe großen Respekt vor dem Entwicklungsschritt, den du da hinter dir hast. Auch wenn ich selbst nie in solchen Gruppen war, kann ich sehr gut nachempfinden, wie schwierig es ist, sich aus der Umklammerung magischer Gruppen zu lösen und weiterzuentwickeln. Das erfordert viel Kraft und Mut. Und dass du nun deine spirituelle Heimat im konventionellen Christentum gefunden hast, war der nächste logische Schritt.
      Da du also mit dieser Pseudo-Esoterik schlechte Erfahrungen gemacht hast, verstehe ich, dass du auf bestimmte Begriffe und Aussagen allergisch reagierst, in der Vermutung, dass diese aus derselben Ecke kommen, von der du dich gerade befreit hast.

      Ich habe jedoch einen völlig anderen Hintergrund. Mit dieser Form der Esoterik, wie du sie erfahren hast, habe ich mich kaum näher befasst, mit Ausnahme der Königsdisziplin der Esoterik, nämlich der Astrologie, die ich sehr intensiv studiert habe, die aber nichts mit dem Inhalt dieses Blogs zu tun hat.

      Auf dem weiten Feld der Spiritualität gibt es viel mehr als Esoterik und konventionelles Christentum. Und jeder Weg ist verschieden. Ich habe mich mit dem konventionellen Christentum und der Bibel schon in meiner Kindheit und Jugend recht intensiv befasst. Vielleicht hast du das sogar mitbekommen. Und danach auch mit christlicher Mystik und den Weisheitstraditionen anderer Religionen, z.B. Dzogchen, Zen, Sufismus, Yoga, Samkya und Advaita Vedanta. In das Tao Te King (Taoismus) und die Kabbala habe ich zumindest mal reingschnuppert. Mit Religion befasse ich mich also nicht erst seit einem Jahr, sondern schon, seit ich lesen kann. Und durch dieses Studium sowie durch meine langjährige Meditationspraxis habe ich erkannt, dass sich die grundlegenden Lehren in allen großen Religionen finden lassen. Alle großen Meister haben im Grunde dasselbe gesagt, wenn auch – je nach persönlichem und kulturellem Hintergrund – mit anderen Worten. Alle Weltreligionen vermittelt in ihrer Essenz dieselbe Wahrheit, auch wenn es äußerlich Unterschiede gibt. Nur muss man diese Wahrheit auch verstehen.

      Ich möchte nun auf ein paar Punkte näher eingehen:

      Wo ich dir vollkommen zustimme, ist die Sache mit dem freien Willen. Ja, wir haben einen freien Willen, können uns so oder so entscheiden – mit allen Konsequenzen.

      Wenn es um den Willen Gottes geht, wird es schon schwieriger. Wer bestimmt, was der Wille Gottes ist und was nicht? Auch die Attentäter, die das Flugzeug ins World Trade Center steuerten, waren der vollen Überzeugung, damit dem Willen Gottes zu folgen.

      Zu: „Gott ist der Schöpfer, aber nicht die Schöpfung selbst.“
      Ja und nein, je nach dem Blickwinkel der Betrachtung. Aus der Dualität betrachtet, ist das richtig. Gott drückt sich in der Schöpfung aus, es gibt aber einige grundlegende Unterschiede zwischen Gott und Schöpfung. Die Schöpfung hat einen Ursprung (nämlich Gott), alles darin hat einen Anfang und ein Ende, ist räumlich begrenzt, befindet sich in gegenseitiger Abhängigkeit und ist ständiger Veränderung unterworfen, wodurch unsere Wahrnehmung von Zeit entsteht. Gott hingegen ist der Urgrund, der auf nichts anderes zurückzuführen ist, anfang- und zeitlos, also ewig, grenzenlos, unveränderlich und von nichts anderem abhängig.

      In der tiefsten mystischen Erfahrung, die Menschen möglich ist, der nondualen Erfahrung, existiert diese Dualität aber nicht mehr. Denn da fallen Ich und Nicht-Ich, Wahrnehmender und Wahrgenommenes, Gott und Schöpfung zusammen. Und dann gibt es nur noch Gott.

      So meine ich auch, wenn ich „eins mit Gott und der Schöpfung“ schreibe, das nicht im pantheistischen Sinn, denn der Pantheismus ist keine nonduale Philosophie, sondern im Sinne des Advaita Vedanta, des Non-Dualismus.

      Das führt mich gleich weiter zu der Frage, ob wir Gott sind. Aus dem individuellen Ich heraus gesprochen, hast du natürlich vollkommen Recht, dass wir nicht Gott sind. An dem Punkt, wo die Vereinigung mit Gott (die „unio mystica“ in der Terminologie der christlichen Theologie) stattfindet, existiert kein Ich mehr. Wenn dann Sätze wie „Ich bin Gott“, „Ich bin eins mit Gott“, „Wir sind alle eins“, von der Ich-Perspektive aus interpretiert werden, wie das gerade in Eso-Kreisen häufig passiert, dann kommt natürlich Nonsens heraus. Menschen, die solche Aussagen aus ihrem eigenen Erfahren treffen, so wie Jesus, sprechen nie aus der Perspektive des individuellen Ich, weil es das dann gar nicht mehr gibt. Und nur dann sind solche Aussagen wahr. Für andere, die diese Erfahrung nicht haben, ist das aber schwer zu verstehen. Deshalb gibt es da so viele Missverständnisse.

      Dazu kommt, dass auch Menschen, die die Erfahrung der Gott-Einheit gemacht haben, trotzdem noch Menschen bleiben und in ihrem Menschsein genauso ihre Schwächen haben, Fehler machen und in Versuchung geraten können wie jeder andere auch. Auch Jesus wurde in Versuchung geführt. Das schließt sich nicht aus. Wahrer Mensch und wahrer Gott – das trifft nicht nur auf Jesus zu.

      Und: Nein, wir haben unser Leben nicht in der Hand. In diesem Punkt stimme ich dir völlig zu. Natürlich können wir gewisse Entscheidungen treffen und Weichen stellen, aber vieles, was in unserem Leben passiert, können wir nicht steuern. Hier ist eine viel größere Weisheit am Werk. Und unser Leben in Gottes Hände zu legen ist immer ein guter Ratschlag. Damit bin ich vollkommen einverstanden. Bloß ein Beweis gegen unsere Göttlichkeit ist das nicht – siehe oben.

      „Alle Religionen lehren spirituelle Wege, um … zu der Erkenntnis der Einheit zu kommen. Wenn diese Erkenntnis dauerhaft integriert ist, wird das dann Erlösung, Befreiung, Erleuchtung oder Selbst-Erkenntnis genannt.“
      Du meinst, im Christentum gibt es das nicht? Selbstverständlich! Im Christentum geht es ja ganz zentral um Erlösung! Das Problem ist nur, dass es viel Verwirrung darüber gibt, was Erlösung eigentlich bedeutet. Und das betrifft auch dich. Mir geht es darum, hier etwas Licht in diese Verwirrung zu bringen.
      Und ich habe durchaus auch im Christentum sehr gute spirituelle Wege kennengelernt, z.B. bei den kontemplativen Exerzitien im Kapuzinerkloster Irdning das Herzensgebet von Franz Jalicz.

      Zu meinem Zitat aus dem Johannesevangelium: Ja, Jesus betet für seine Jünger und „auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden“. Ich habe nicht behauptet, dass er in seinem Gebet alle Menschen meint. Denn in den allermeisten Fällen braucht es für eine dauerhafte Einheitserfahrung spirituelle Praxis, in die er seine Jünger wohl eingeweiht hat. Leider sind uns die Details dazu nicht überliefert.

      „Das Universum – was soll das sein? Es gibt kein Universum.“ Wie? Ich verstehe nicht, was dir da unklar ist. „Universum“ ist ein gewöhnlicher Begriff aus dem deutschen Wortschatz, der dir wohl geläufig ist. Ich gebe ihm keine andere Bedeutung als die allgemein übliche.

      Ich-Bewusstsein ist kein philosophisches Konzept. Ich habe bloß meine eigene Empfindung und Wahrnehmung so genannt.

      „Wir können uns nicht selbst erlösen (z.B. durch getane Werke).“ Nein, durch getane Werke sicher nicht. Aber wir können uns dafür bereit machen und öffnen, in der Ausrichtung unseres Lebens und in der Meditation. Je mehr wir unseren Geist leer machen von unseren ich-bezogenen Gedanken, desto mehr kann Gott ihn füllen. Am Anfang ist das eigene Bemühen dabei wichtig, aber je weiter wir auf diesem Weg kommen, desto weniger ist da ein Tun, desto mehr ein Geschehen-Lassen. Und der letzte Schritt ist Gnade. Den können wir nicht erzwingen.

      Alle Liebe und Gottes Segen für dich,
      Dechen

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      1. Ich bete für euch alle, die auf dem Irrweg sind, dass ihr erkennt, dass man NICHTS tun muss, um erlöst zu werden und damit das ewige Leben nach diesem einen hier auf Erden zu bekommen. Keine Meditationen, keine Kontemplation, kein Yoga oder weitere esoterische Praktiken sind notwendig, um von Gott gerettet zu werden. Es gibt auch keine Stufen von Erkenntnis, spirituelle Entwicklungsstufen oder ähnliche Bewertungen. Nichts davon steht in der Bibel, rein gar nichts. Im Gegenteil, sie warnt genau davor. In diesem Sinne ist nicht überall, wo Theologie draufsteht auch Theologie drin (siehe Buchtipp Gott 9.0).

        Solus Christus, sola scriptura, sola fide, sola gratia. Es ist wirklich so einfach.

        Gottes Segen für dich und alle Leser*innen.

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      2. Nein, nicht das gesamte Wissen der Menschheitsgeschichte steht in der Bibel, vor allem nichts, was erst nach der Entstehung der Bibel erforscht wurde.
        Aber in einem Punkt hast du im Grunde Recht: Dass wir nichts tun brauchen, einfach nur SEIN, um das ewige Leben zu erlangen. Ewig bedeutet nicht unendlich lange, sondern zeitlos. Und zeitlos ist die Gegenwart, der jetzige Moment. Das ewige Leben ist also nicht nach dem Tod, sondern hier und jetzt.

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      3. „Einfach nur Sein“ und „ewiges Leben schon hier auf Erden“ sind typisch für esoterische Ansichten, haben aber nichts mit Gottes Wort zu tun. Es bedarf des Glaubens an den biblischen Jesus als unseren Erlöser und auch den Glauben daran, dass er für uns am Kreuz gestorben ist. Dieser Glaube fehlt Nicht-Christen. Ewiges Leben hat also nicht nur etwas mit Zeitlosigkeit zu tun, sondern vor allem mit dem Glauben an Jesus Christus, der für uns gestorben ist: „Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh. 14,6)
        Darüber kann sich die Leserschaft ja selbst ein Bild machen, sich vom Heiligen Geist leiten lassen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man dem biblischen Jesus folgt (und keinen irdischen Meister*innen) und daran glaubt, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist. Amen.

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      4. Mir hat noch nie jemand schlüssig erklären können, wie durch das Leiden eines hingerichteten Menschen jemand erlöst werden soll. Weder gibt es dadurch weniger Sünde, noch weniger Leid in der Welt.

        Um den Satz aus dem Johannesevangelium, den du da zitierst, richtig zu interpretieren, muss man verstehen, dass dieser aus dem Einheitsbewusstsein heraus geschrieben ist und nicht aus dem persönlichen Ich heraus. Im Einheitsbewusstsein gibt es keinen Unterschied zwischen Jesus und anderen verwirklichten Meistern. Dieser Satz bedeutet also keineswegs, dass alle anderen Lehren außer der Bibel Irrlehren sind.

        Im Übrigen stammen die „Ich bin – Sätze“ höchstwahrscheinlich gar nicht vom historischen Jesus. Es fällt nämlich auf, dass Jesus in den ersten 3 Evangelien kaum über sich spricht, sondern über das Reich Gottes / Himmelreich. Das ist das, was er vermitteln will, nicht seine Rolle in der Geschichte. Die „Ich bin – Sätze“ gibt es nur bei Johannes, dem Evangelium, das am spätesten geschrieben wurde und auch in einem ganz anderen Stil. Das bedeutet nicht, dass daraus nicht eine große Weisheit spricht. Denn der Schreiber war ganz offensichtlich ein spirituell hochentwickelter Mensch. Aber einerseits wurde das Evangelium – wie auch die anderen – mit einer bestimmten Intention geschrieben. Andererseits braucht man, um es zu verstehen, einen gewissen Grad an spiritueller Einsicht. Das Auswendiglernen eines Glaubensbekenntnisses reicht für ein tieferes Verständnis der Bibel nicht aus.

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