Sat Chid Ananda – Die göttlichen Eigenschaften der Seele

Die Seele als Widerspiegelung Gottes

Der Atman, die individuelle Seele, unterscheidet sich nicht von Brahman, dem uranfänglichen, allumfassenden, allesdurchdringenden, großen göttlichen Geist. So wie sich das Licht der Sonne in vielen Wassereimern gleichzeitig widerspiegeln kann, so spiegelt sich der göttliche Geist in vielen individuellen Seelen. Als Wesen glauben wir, begrenzt und voneinander verschieden zu sein, so wie die Wassereimer eine begrenzende Form zu haben. Und doch ist es stets derselbe Geist, dasselbe eine Bewusstsein, das sich als viele verschiedene Individuen verkörpert hat.

Werde dir der göttlichen Eigenschaften deiner Seele bewusst …

So müssen wir, wenn wir Gott erkennen wollen, unsere eigene Seele studieren. Denn die Eigenschaften unserer Seele unterscheiden sich nicht von den Eigenschaften Gottes. Doch leider ist den meisten Menschen ihre eigene, unwandelbare göttliche Seele nicht bewusst. Zu sehr sind sie beschäftigt mit den veränderlichen Erfahrungen, die auf sie projiziert werden und mit denen sie sich identifizieren. Erfahrungen, die sie über ihre Sinne machen sowie das ständige Gedankenkarussel.

Tief in unserer eigenen Seele ruhen wir nur im Tiefschlaf, doch an den können wir uns gewöhnlich nicht erinnern. Immerhin wissen wir aber, wenn wir aufwachen, dass wir gut geschlafen haben und fühlen uns wohl und frisch.

… und erfahre Sat-Chid-Ananda!

Eine bewusste Erfahrung unserer eigenen Seele können wir in der Meditation machen. Und wer sie einmal gemacht hat, wer diesen köstlichen Geschmack einmal kennengelernt hat, der wird die Sehnsucht danach nie wieder verlieren.

Im reichen Erfahrungsschatz des Yoga werden die Eigenschaften Brahmans, die mit den Eigenschaften des Atman identisch sind, mit drei Worten beschrieben: Sat Chid Ananda.

Sat – Wahrheit und reines Sein

Sat bedeutet Wahrheit oder Sein. Reines Sein, ohne irgendeine Identifikation. Kein „Ich bin die oder der, dieses oder jenes“, sondern einfach nur „Ich bin.“ Ohne Objekt. Und damit auch ohne Abgrenzung. Denn wenn ich Silvia bin, dann bin ich alles andere nicht. Reines Sein ist aber nicht bezogen auf irgendein Wesen oder eine Sache. Es ist einfach. Unbegrenzt und ohne Substanz. Und das, was ist, ist wahr, ist echt, ist nicht wegzuleugnen. Man kann es nicht so oder so interpretieren oder von verschiedenen Seiten betrachten. Es ist absolut. Deshalb gibt es im Sanskrit, der heiligen Sprache Indiens, für Sein und Wahrheit nur ein Wort: Sat.

Kannst du leugnen, dass du bist?

Brauchst du irgendeinen Beweis dafür, dass du bist? Könnte dir jemand einreden, dass du nicht existierst? Nein. Alle unsere Sinneswahrnehmungen können wir in Frage stellen. Sie sind trügerisch. Denn sie hängen von der Funktionsweise unserer Sinne und unseres Gehirns ab. Und auch unsere Persönlichkeit, unser Körper und unsere menschlichen Eigenschaften sind von begrenzter Dauer und wir können sie unter verschiedenen Aspekten betrachten. Aber unser Sein ist selbst-evident und nicht hinterfragbar.

Chid – das reine Bewusstsein

Chid bedeutet Bewusstsein. Wir sind bewusst. Auch das lässt sich nicht leugnen. Selbst in der sogenannten Bewusstlosigkeit ist nicht das Bewusstsein ausgeschaltet, sondern nur seine Verbindung mit den Sinnen vorübergehend unterbrochen. Und oft fehlt danach die Erinnerung an das, was wir im Zustand der sogenannten Bewusstlosigkeit erlebt haben. Ähnlich wie wir keine Erinnerung an den Tiefschlaf haben.

Ich war bereits mehrere Male in meinem Leben bewusstlos, sei es nach einem Schock oder in Vollnarkose. Und ich weiß noch, dass es immer ein wunderschöner, total entspannter Zustand war. Aber darüber hinaus gibt es nichts Konkretes zu erinnern. Keine Bilder, keine Gedanken. Nichts, worauf wir üblicherweise unsere Aufmerksamkeit richten.

Ananda – die unbedingte Glückseligkeit

Ananda ist die reine Glückseligkeit, die unbedingt, grundlos und beständig ist. Mein spiritueller Name Dechen bedeutet übrigens dasselbe auf Tibetisch. Diese Glückseligkeit der Seele ist von nichts abhängig und immer da. Nur ist sie meistens verdeckt von unserem Gedankenschleier wie der strahlende blaue Himmel von dunklen Wolken.

Wenn wir tief meditieren, Körper und Geist zur Ruhe bringen und unsere Aufmerksamkeit nach innen richten, können wir die göttlichen Eigenschaften unserer Seele erfahren. Das ist nicht ganz einfach, wenn wir es nicht gewohnt sind. Denn es entspricht der Natur unseres kleinen Geistes, ständig ruhelos zu sein, Gedanken zu produzieren und nach irgendetwas zu suchen, womit er sich beschäftigen kann.

Erste Einblicke durch spontane Flow-Erfahrungen

Den Geist zu beruhigen, braucht Entschlossenheit und Ausdauer in der Meditation. Übung durch beständige Praxis ist notwendig. Manchen Menschen werden kurze Flow-Erlebnisse, in denen sie einen Geschmack davon bekommen, aber auch schon nach wenigen Meditationseinheiten gewährt. Deshalb ist er mir wichtig, auch in alle Yoga-Basiskurse kurze Meditationseinheiten einzubauen. Ich möchte der Gnade Gottes, die eine oder andere Yoga-Schülerin zu berühren, Raum geben.

Bevor wir den Geist entspannen können, ist er hilfreich, den Körper zu entspannen. Das ist z.B. durch die progressive Muskelentspannung möglich, bei der Muskeln zuerst angespannt und anschließend entspannt werden. Asanas, die immer mit einer Schlussentspannung abgeschlossen werden, dienen ebenfalls dazu, in eine Tiefenentspannung zu kommen. Es macht also Sinn, vor der Meditation Asanas zu üben. Damit können wir schon eine gute Basis für die Meditation schaffen.

Die optimale Sitzhaltung finden

Wenn du dich schließlich zur Meditation hinsetzt, zahlt es sich unbedingt aus, die für dich optimale Sitzhaltung einzunehmen, so dass du in der Lage bist, dich vollkommen zu entspannen. Ich nehme mir in allen Kursen viel Zeit, für jeden einzelnen die Sitzhaltung zu finden, in der er am besten meditieren kann. Denn die optimale Haltung ist nicht für jeden gleich.

Energetisch am besten ist eine Haltung mit verschränkten Beinen: der Lotus, der Halblotus oder der Meistersitz, bei dem ein Bein auf dem anderen Unterschenkel ruht. Aber wer diese Sitzhaltungen nicht schon von Kind auf geübt hat, ist als Erwachsener oft nicht in der Lage, in einer dieser Haltungen bequem zu sitzen. Und dann ist es kontraproduktiv, sich da hineinzuquälen. Wenn deine Sitzhaltung dir Schmerzen bereitet, wirst du dich kaum gut entspannen können.

Eine ebenso gute, aber nicht so stabile Sitzhaltung, die für die meisten einigermaßen beweglichen Menschen durchführbar ist, ist der freie Sitz. Dabei liegen die Beine nicht übereinander, sondern voreinander.

Eine weitere Alternative ist der erhöhte Fersensitz. Dabei sitzt man rittlings auf einem hohen Kissen, übereinandergestapelten Decken oder auf einem Meditationsschemel. Letzteren mag ich nicht so sehr, weil er härter und weniger flexibel ist. Wenn auch das nicht geht, z.B. aufgrund von Knieproblemen, bleibt immer noch das Sitzen auf einem Stuhl.

Den Energiekanal in der Wirbelsäule aufrichten

Egal für welche Sitzhaltung du dich entscheidest: Für alle gilt, dass die Wirbelsäule aufgerichtet sein soll. Mit krummem Rücken oder im Liegen lässt sich nicht gut meditieren. Wenn wir uns hinlegen, stellt sich unser Körper auf Schlafen ein. Das ist zwar vielleicht entspannend, aber es ist schwierig, dabei hellwach zu bleiben. Und ein krummer Rücken führt zu einer Energieblockade. Die spirituelle Energie kann dann nicht in die höheren Bewusstseinszentren aufsteigen.

Oft passiert es, dass während der Meditation der Brustkorb einsinkt und der Kopf nach vorne fällt. Wann immer du das merkst, richte dich behutsam wieder auf. Achte darauf, dass die Wirbelsäule immer aufgerichtet bleibt!

Hellwach und vollkommen entspannt

Und versuche im Meditationssitz ganz bewusst, deinen Körper zu entspannen. Ein vollkommen entspannter Körper ist die beste Voraussetzung dafür, dass sich auch der Geist entspannen kann.  Wichtig ist es allerdings, dass du auch in diesem vollkommen entspannten Zustand hellwach bleibst und nicht eindöst. Meditation ist kein dumpfer Halbschlaf. Im Gegenteil! In der Meditation ist der Geist vollkommen wach und klar. Wähle deshalb eine Tageszeit, zu der du nicht müde bist.

Wenn es dir gelingt, für längere Zeit mit aufgerichteter Wirbelsäule bewegungslos, hellwach und vollkommen entspannt zu sitzen und auch den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, wirst du irgendwann genau diese drei göttlichen Eigenschaften der Seele erfahren: Sat-Chid-Ananda. Du bist gewahr, dass du bist und dass du bewusst bist. Du bist kein Körper, keine Persönlichkeit, weder deine Lebensgeschichte, noch deine Gedanken und Gefühle. Du bist reines, bewusstes Sein. Hell, klar, licht und höchst lebendig. Und in diesem Sein bist du erfüllt von tiefem Frieden, heller Freude und vibrierender Glückseligkeit. Das sind nicht bloß Gefühle. Und sie wurden durch nichts ausgelöst. Es ist die natürliche Ausstrahlung deiner Seele, die immer da ist. Das, was du bist, wenn du dich hinein entspannst in deinen eigenen Geist. Das, was du deinem Wesen nach bist, warst und immer sein wirst. Wenn du die Identifikation mit allem, was du nicht bist, losgelassen hast.

Lebendig, klar und licht

Manchmal wird auch vom inneren Licht gesprochen. Licht ist das Ur-Element des Universums, aus dem alles andere entstanden ist. Jede Materie ist nichts anderes als verdichtete Licht-Energie. Meiner Erfahrung nach ist dieses innere Licht jedoch kein Licht, das wir mit unseren Augen sehen können. Vielmehr sind wir licht. Als Adjektiv. Lichthaft, freudig, leicht, lebendig. Und dieses Licht-seins können wir in tiefer Meditation gewahr werden.

Wenn du Sat-Chid-Ananda, die Eigenschaften der Seele, die Eigenschaften Gottes in der Meditation bereits erfahren hast, wird es dich immer wieder rufen, immer wieder hinziehen. Und gleichzeitig gibt es unzählige Ablenkungen. So viele andere Dinge in deinem Leben erscheinen wichtig und vorrangig. Deshalb ist es nicht einfach, das Wesen deiner Seele beständig zu suchen. Es ist ein ständiges Ringen, bis die Seele dauerhaft die Vorherrschaft in deinem Leben gewonnen hat. Von diesem Kampf berichtet die Bhagavad Gita, die wir – neben der Praxis natürlich – im Yoga Vertiefungskurs besprechen.

Eine besondere Möglichkeit, in tiefe Meditation zu kommen, sind Retreats. Längere Phasen, in denen du dich um nichts zu kümmern brauchst und viel Zeit für Stille und Meditation hast. Die Yoga-Wochenenden sind solche kurzen Retreats. Am nächsten Wochenende von 6.-8. Mai 2022 mit dem Schwerpunktthema „Wer bin ich?“ widmen wir uns genau dieser Frage, wie wir unser wahres Wesen, das reine göttliche Bewusstsein, die freudige, lebendige Glückseligkeit, unser tief-innerstes Licht-Sein erfahren können.

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