Pratyahara – die Sinne zurückziehen

Pratyahara – das 5. Glied im Ashtanga-Yoga

Pratyahara ist eines der 8 Glieder des Ashtanga-Yoga im Yogasutra von Patanjali, einer der wichtigsten Yogaschriften. Es steht zwischen Pranayama (Atemtechniken, mit denen die Lebensenergie gelenkt wird) und Dharana (Konzentration). Pratyahara bedeutet „die Sinne zurückziehen“.

Ohne Sinne wären wir völlig isoliert

Die Sinne sind unsere Verbindung zur Außenwelt. Ohne unsere 5 Sinne – Sehen, Hören, Berühren, Schmecken und Riechen – könnten wir keine Informationen von dem, was wir „außen“ nennen, aufnehmen. Wir wüssten nichts von dem, was „außerhalb“ von uns passiert. Dabei sind die Sinnesorgane Augen, Ohren, Haut, Zunge und Nase nur Werkzeuge, um die Sinneswahrnehmungen möglich zu machen. Dass sie funktionieren, reicht allerdings nicht aus. Vielmehr müssen die Informationen von den Sinnen auch noch über elektrische Signale in den Nerven ins Gehirn geleitet und dort übersetzt und verarbeitet werden. Ein sehr komplexes System also. Unser Körper ist ein wahres Wunderwerk!

Auf der einen Seite ist das wunderbar. Wir brauchen unsere Sinne, um unseren Alltag zu bewältigen. Außerdem führen Sinnesreize zu vielfältigen Freuden und Wohlbefinden. Eine schöne Landschaft oder ein Kunstwerk, duftende Blumen, gutes Essen, gute Musik – das alles trägt zu unserer Lebensqualität bei. Wenn einer unserer Sinne nicht funktioniert, fühlen wir uns behindert. Wissenschaft und Technik tun alles, um solche Mankos auszugleichen, etwa durch Hörgeräte, Brillen und Kontaktlinsen.

K.O.-gefüttert von den Sinnesreizen

Normalerweise werden im Wachzustand ständig Signale von außen an unser Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet. In der heutigen Zeit wohl noch viel mehr als früher. Das bunte Treiben in den Städten, Leuchtreklame an allen Ecken und Enden, musikalische Berieselung allerorts und vor allem die modernen Medien tragen zu einer permanenten Überflutung mit Sinnesreizen bei. Wenn in vielen Familien den ganzen Tag der Fernseher läuft und schon Kleinkinder stundenlang vor flimmernden und tutenden elektronischen Geräten sitzen, ist es auch kein Wunder, dass sie ständig überdreht sind und die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird.

Das gilt aber auch für Erwachsene. Die meisten Menschen halten es schon gar nicht mehr aus, wenn sie einmal ein paar Minuten nicht von Sinnesimpulsen bombardiert werden, wenn es einfach einmal still ist und nichts Besonderes zu sehen gibt. Sofort wird das Handy gezückt, um Lücken im Geist, die einen kurzen Einblick in die Innenwelt erlauben würden, gar nicht erst zuzulassen.

Ähnlich ist es mit Gerüchen und Geschmäckern. Nicht nur Parfüms, auch Waschmittel, Duschbäder, Haarshampoos und andere Kosmetika kommen nicht ohne Duftstoffe aus und unser Gaumen ist es nicht mehr gewohnt, nichts zu schmecken, wie das beim Fasten der Fall ist. Stattdessen produziert die Nahrungsmittelindustrie ständig neue (ernährungsphysiologisch wertlose und schädliche) Nahrungsmittel mit Geschmacksverstärkern und neuen Geschmacksrichtungen, die die Menschen dann in viel zu großen Mengen in sich hineinstopfen. So sehr ist unser Geist darauf getrimmt, ständig durch die Sinne mit Eindrücken gefüttert zu werden.

Lernen von der Schildkröte

Aber nicht erst jetzt, sondern schon Jahrtausende bevor Menschen dieser Sinnesreizüberflutung ausgesetzt wurden, haben sich Yogis darin geübt, die Sinne von der Außenwelt zurückzuziehen – etwa so wie eine Schildkröte ihre Beine und ihren Kopf einziehen kann – und nach innen zu richten. Die Begriffe „innen“ und „außen“ sind dabei natürlich nur als sprachliche Hilfskonstruktionen zu verstehen für einen Vorgang, der sich anders schwer beschreiben lässt.

Aber wozu soll das gut sein, wenn uns doch die nach außen gerichteten Sinne so viele Freuden bescheren?

Pratyahara im Schlaf – erquickendes Lebenselixier

Zunächst einmal: Jeder von uns kennt dieses Zurückziehen der Sinne von der Außenwelt. Genau das passiert nämlich auch, wenn wir schlafen. Im Schlaf bekommen wir nicht mit, was in dem Raum, in dem wir liegen, passiert. Außer die Sinnesreize sind so stark, dass sie uns aufwecken. Und jeder weiß, wie wohltuend und erquickend es ist, gut zu schlafen! Ohne Schlaf können wir nicht leben. Es geht dabei nicht nur um die körperliche Erholung, sondern vor allem um das geistige Verarbeiten der Sinneseindrücke, denen wir tagsüber ausgesetzt sind, im Traum, und um die geistige Erholung im Tiefschlaf.

Jeder, der schon einmal nicht schlafen konnte, weiß, wie zermürbend Schlaflosigkeit ist. Ohne Schlaf geht gar nichts mehr. Und die Fähigkeit, die Sinne zurückzuziehen, ist notwendig, um gut schlafen zu können.

Pratyahara als Bedingung für gute Konzentration

Aber auch im Wachzustand ist das Zurückziehen der Sinne wichtig. Es ist eine Voraussetzung für jegliche Form der Konzentration. Wer sich auf eine Sache konzentrieren will, z.B. auf das Lesen eines Buches, muss in der Lage sein, andere Sinneseindrücke auszuschalten. Wenn das Buch spannend genug und unsere Konzentration gut genug ist, bekommen wir nicht mehr mit, was neben uns gesprochen wird. Vielleicht bemerken wir nicht einmal, wenn inzwischen das Essen anbrennt.

Das ist Pratyahara. Die Sinne sind von allen Dingen, die im Moment gerade nicht wichtig sind, zurückgezogen. Und das macht es dann erst möglich, die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu lenken, auf die wir uns konzentrieren wollen. Das wiederum kann zu einem Flow führen, dem Gefühl, im Fluss zu sein. Das, was wir gerade tun, worauf wir konzentriert sind, geht uns leicht und ohne Anstrengung von der Hand und hinterlässt ein Gefühl von Glück und tiefer Befriedigung.

Umgekehrt hat wahrscheinlich auch jeder schon die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, sich auf etwas zu konzentrieren, wenn Pratyahara nicht gelingt. Wenn wir durch alles Mögliche abgelenkt sind. Geräusche, Störungen durch Handygebimmel und andere Menschen, die unsere Aufmerksamkeit einfordern oder einfach nur durch unsere Gedanken. Das Denken wird in Asien übrigens auch zu den Sinnen gezählt. Der oft erfolglose Versuch, uns zu konzentrieren, wird dann enorm anstrengend und frustrierend.

Die Verlagerung der Wahrnehmung in den göttlichen Bereich

Neben den oben bereits genannten Vorzügen und Notwendigkeiten von Pratyahara gibt es aber noch eine weitere: Wenn die Sinne von der Außenwelt abgezogen und nach innen gerichtet werden, wird auch unsere gesamte Wahrnehmung auf einen anderen Schauplatz verlagert, der den meisten Menschen kaum bekannt ist. Es ist jener Schauplatz, den Jesus das „Reich Gottes“ nennt, wenn er sagt: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ (Lk, 17,21). Und alle Menschen, die diesen Weg nach innen ernsthaft gegangen sind, sind sich einig darüber, dass die Freuden, die wir genießen können, wenn wir die Sinne nach innen wenden, um ein Vielfaches schöner und befriedigender sind als alle sinnlichen Genüsse zusammen, wenn die Sinne nach außen gerichtet sind.

Im Alter lässt die Funktionsfähigkeit der Sinne nach

Interessanterweise lässt die Funktionsfähigkeit der Sinne im Alter oft nach. Schon ab ca. 45 Jahren beginnt die Altersweitsichtigkeit. Ohne Brille kann man nichts mehr lesen. Vielleicht ein Zeichen, dass es in der zweiten Lebenshälfte nicht mehr um Bücherwissen geht, sondern andere Qualitäten gefragt sind? Oft kommen dann noch andere Augenkrankheiten dazu. Dann wird das Sehvermögen noch schlechter. Aber auch das Hörvermögen lässt bei vielen älteren Menschen nach. Und in hohem Alter auch oft der Geschmackssinn. Mit zunehmendem Alter ziehen sich also die Sinne natürlicherweise aus der Außenwelt zurück. Eine Aufforderung, dass spätestens jetzt die Zeit gekommen ist, sie nach innen zu wenden. Leider verstehen die wenigsten Menschen dieses Signal und versuchen stattdessen mit allen Mitteln, diesem Prozess entgegenzuwirken.

Pratyahara  – ein wichtiger Bestandteil der Yogapraxis

In der Yogapraxis üben wir Pratyahara gezielt. Durch Asana, die Sitzhaltung, die bequem und stabil sein soll, kommt zunächst der Körper zur Ruhe. Durch Pranayama, spezielle Atemtechniken, die Atmung. Der Atem hängt eng zusammen mit Prana, unserer Lebensenergie. Mit dem Atem können wir die Lebensenergie bewusst lenken und in spirituelle Energie umwandeln. Das wiederum bereitet den Boden für Pratyahara, das Zurückziehen der Sinne, und in weitere Folge für Konzentration (Dharana), Meditation (Dhyana) und Samadhi. Samadhi wird der überbewusste Zustand genannt, der im Yoga angestrebt wird. Ein glückseliger Zustand, in dem die Vereinigung mit Gott erfahren wird.  

Wenn du selbst Yoga lernen und praktizieren möchtest, dann wähle den für dich passenden Kurs.

3 Gedanken zu “Pratyahara – die Sinne zurückziehen”

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