Die Bhagavad Gita

Bhagavad Gita bedeutet „Gesang des Göttlichen“. Eingebettet in das Mahabharata, einem der bedeutendsten indischen Epen, ist sie eine der wichtigsten spirituellen Schriften der Weltliteratur und die Grundlage des Yoga. Manchmal wird sie als „Bibel der Hindus“ bezeichnet.

Eine historische Schlacht als Allegorie für den inneren Kampf

Oberflächlich betrachtet, geht es in der Bhagavad Gita um ein Zwiegespräch, das Arjuna mit seinem Lehrer Krishna führt. Krishna ist eine Inkarnation Gottes. Dieses Zwiegespräch findet in der Geschichte der Bhagavad Gita vor der Schlacht von Kurukshetra statt. Diese Schlacht hat historisch höchstwahrscheinlich tatsächlich stattgefunden, es ist jedoch kaum anzunehmen, dass sich davor Arjuna und Krishna über Yoga unterhalten haben. Vielmehr benutzt der Autor, der Weise Vyasa, diese Schlacht als Allegorie für den Kampf, der sich im Inneren des meditierenden Yogi abspielt. Und da sich über Jahrtausende an der inneren Struktur des Menschen nichts geändert hat, hat diese Schrift, auch wenn sie ca. 2200 – 2500 Jahre alt ist, genauso wie auch andere heilige Schriften, nichts an Aktualität verloren.

Das Sinnesbewusstsein oder die Seele – wer hat die Oberhand?

In der Geschichte geht es darum, dass die Pandavas, denen auch Arjuna angehört, ihr Königreich, das ihnen von den Kauravas durch eine List entrissen wurde, wieder zurückerobern wollen. Die Pandavas symbolisieren dabei jene Kräfte im Menschen, deren Bestreben es ist, der Seele die Oberhand über sein Leben zurückzugeben. Die Kauravas hingegen sind jene Anteile der menschlichen Struktur, die nach außen gerichtet sind und von der Seele und dem köstlichen Nektar der Glückseligkeit Gottes, die ihr innewohnt, nichts wissen.

Die Seele – die Widerspiegelung Gottes im Körper

Die Seele ist jener Teil des unendlichen, unbegrenzten und in seiner Herrlichkeit alle Vorstellungskraft übersteigenden Gottes, der sich im endlichen und begrenzten Körper inkarniert. Sie ist in den drei Körpern – dem physischen, dem astralen und dem kausalen – eingeschlossen. So identifiziert sich die Seele der meisten Menschen mit diesen drei Körpern und hat ihre ursprüngliche Identität mit dem großen, göttlichen Geist vergessen. Dieser Zustand wird sinnbildlich mit der Herrschaft der Kauravas über ein Reich, das ihnen nicht zusteht, dargestellt.

Wenn nun die Sehnsucht im Menschen, seine Seele wieder mit Gott zu vereinen, erwacht, begibt er sich auf den Weg des Yoga. Das Heer der Pandava-Krieger stellt sich auf, um gegen die Kauravas zu kämpfen. Der König der Kauravas wird Dhritarashtra genannt. Er ist blind wie das Sinnesbewusstsein, das er verkörpert.

Wie erreichen wir das Reich der Seele?

Das Sinnesbewusstsein, das über das Nervensystem mit den Sinnen verbunden ist, die die Sinneseindrücke an das Gehirn leiten, lässt uns die (scheinbare) Außenwelt erfahren und mit ihr in Kontakt treten. Für unser individualisiertes Leben in unserem Körper ist das unzweifelhaft notwendig. Es führt jedoch dazu, dass wir vom Auf und Ab unserer sinnlichen Erfahrungen gebeutelt werden und die immerwährende Glückseligkeit der Seele nicht erfahren können. 

Um den Palast der Seele zu betreten, müssen wir unseren Blick ununterbrochen auf das geistige Auge (3. Auge zwischen den Augenbrauen, Ajna-Chakra) richten, unsere Aufmerksamkeit auf Gott ausrichten und über Ihn meditieren, das Bewusstsein von den Sinnestelefonen abschalten, in den Zentralkanal der Wirbelsäule zurückziehen und nach innen wenden. Das unruhige und unbeständige Sinnesbewusstsein, das unsere Aufmerksamkeit nach außen zieht, muss also unter Kontrolle gebracht und besiegt werden.

Das Ziel des Kampfes – Gottverwirklichung

Der Yogi, dem das gelingt, erreicht Savikalpa-Samadhi, den überbewussten Zustand höchster Glückseligkeit, in dem er die Einheit mit Gott erfährt. Er muss diesen Bewusstseinszustand jedoch wieder verlassen, wenn er in das Alltagsbewusstsein zurückkehrt. Erst wenn Nirvikalpa-Samadhi erreicht ist, ist der Yogi vollkommen verwirklicht und kann das Bewusstsein der Vereinigung mit Gott (= Yoga) ununterbrochen halten, auch wenn er als Mensch in der Welt lebt und seine alltäglichen Pflichten erfüllt.

Die Bhagavad Gita ist nicht für jeden

Die Bhagavad Gita ist ein hoch spirituelles Werk. Es richtet sich nicht an Durchschnittsmenschen, die ein weltliches Leben führen und damit zufrieden sind. Sie stellt vielmehr einen Wegweiser für jene Menschen dar, die Gott suchen und verwirklichen wollen und regelmäßig meditieren.

Die Geschichte beginnt damit, dass Arjuna zweifelt, ob er überhaupt kämpfen soll, da die Kauravas doch seine eigenen Verwandten sind. Ähnlich geht es wohl vielen Yogis am Anfang ihres Weges. Soll ich mein Sinnesbewusstsein wirklich unter Kontrolle bringen? Es bereitet mir doch auch viele Annehmlichkeiten und Freuden. Krishna geht auf diese Frage ein und auch auf viele weitere, die Arjuna ihm stellvertretend für viele ernsthafte Gottsucher und fortgeschrittene Yogis stellt.

Welcher spirituelle Weg ist der beste?

So erklärt er etwa die Bedeutung der großen Yoga-Wege: Karma Yoga – der Weg des Handelns, Bhakti Yoga – der Weg der Hingabe an Gott, Jnana Yoga – der Weg der Erkenntnis und Raja Yoga – der Königsweg der Meditation. Wie man ein spirituelles Leben führen kann, was die drei Gunas (Grundeigenschaften der Natur) sind und wie man sie transzendieren kann, sind weitere Themen. Er nimmt auch Stellung zu der Frage, ob es besser ist, sich ganz aus der Welt zurückzuziehen und sich nur noch der Meditation zu widmen oder gleichzeitig einer Arbeit nachzugehen und eine Familie zu versorgen.

Eine Synthese zwischen Naturwissenschaft und Religion

Dem Leser wird sowohl vom großen kosmischen Geschehen der Schöpfung und der Weltentstehung ein umfassendes und schlüssiges Bild vermittelt als auch von der Beziehung zwischen Gott und Mensch und dem mikrokosmischen Zusammenwirken von Körper, Sinnesbewusstsein, Intellekt, energetischen Strukturen, Seele und Geist in jedem einzelnen Menschen. Dieser uralte Weisheitstext kommt dabei modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Quantenphysik, Kosmologie, Neurowissenschaft und Sterbeforschung erstaunlich nahe. Er kann damit einen wichtigen Beitrag leisten, die jahrhundertelange Spaltung zwischen Religion und Naturwissenschaft aufzuheben. Denn letztlich kann es nur eine Wahrheit geben.

Die Bhagavad Gita ist die Grundlage für die meisten anderen indischen Weisheitsbücher. So bauen z.B. das Yogasutra von Patanjali oder das Vivekachudamani (Kronjuwel der Unterscheidung) von Shankaracharya auf den Lehren der Bhagavad Gita auf. Wer Yoga nicht nur als ein Fitness- und Entspannungsprogramm betrachtet, sondern sich ernsthaft für die unübertroffene Weisheit des Yoga interessiert, sollte die Bhagavad Gita unbedingt kennen.

Den esoterischen Gehalt heiliger Schriften verstehen

Alle tiefsinnigen heiligen Schriften zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass der unbedarfte Leser sie nicht wirklich zu durchdringen vermag. Der tiefere, esoterische Gehalt solcher Schriften ist oft verborgen und verschlüsselt, so dass es einerseits Erfahrung auf dem Feld der Meditation durch eigene regelmäßige Praxis bedarf, um überhaupt einen Zugang zu dem Metier zu haben, um das es in diesen Schriften geht, andererseits ist auch ein gewisses Hintergrundwissen nötig, um die verwendeten Allegorien der verschlüsselten Begriffe zu verstehen. Oft gibt es auch mehrere Bedeutungsebenen.

Es ist daher jedenfalls notwendig, die Bhagavad Gita mit einem guten Kommentar zu lesen, oder sie sich von einem erleuchteten Meister erläutern zu lassen, der sie aus eigener Erfahrung heraus versteht und interpretieren kann.

Die Bhagavad Gita im Yoga Vertiefungskurs

Im Yoga Vertiefungskurs werden wir uns ab Jänner 2022 mit der Bhagavad Gita beschäftigen. Wir benutzen dabei die Übersetzung und den Kommentar von Paramahansa Yogananda, jenem großen Yogameister des 20. Jahrhunderts, der als Brückenbauer zwischen Ost und West die Weisheit des Yoga im Westen verbreitet hat. Er wurde durch seinen eigenen Meister Shri Yukteswar in der Bhagavad Gita unterrichtet und steht in der Linie Babajis, der den in der Bhagavad Gita erwähnten, aber lange Zeit in Vergessenheit geratenen Kriya Yoga revitalisiert hat.

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