Wie frei bist du?

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Freiheit war schon als Kind für mich ein hoher und attraktiver Wert. Und ist es wohl für viele Menschen. Aber was bedeutet Freiheit eigentlich?

Die meisten Menschen verstehen unter Freiheit vor allem einmal, physisch nicht gefangen zu sein und die Möglichkeit zu haben, sich frei zu bewegen, ihren Aufenthaltsort selbst wählen zu können und tun und lassen zu können, was sie selbst möchten, ohne dass sie jemand einschränkt. Und das ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Viele Menschen – und noch viel mehr Tiere – haben diese Freiheit nicht. Das „Ich will tun was ich will“ hat aber immer auch Grenzen. Und die liegen dort, wo die Freiheit anderer aufhört. Ein Egotrip nach dem Motto „Ich will mich nirgends einschränken lassen auf Kosten anderer. Wie es denen geht, ist mir egal“ hat wenig mit wahrer Freiheit zu tun. Hier ist immer ein Abwägen vonnöten und ganz viele Konflikte verlaufen entlang dieser Linie. Man denke etwa an das Thema Abtreibung, an Diskussionen über Rauchverbote, an Maßnahmen gegen den Individualverkehr, den Konsum von Produkten, die mit grausamster Tierqual verbunden sind (Fleisch, Milch, Eier, Medikamente, Kosmetika, Pelze etc.) oder zahlreiche Nachbarschaftsstreitigkeiten um Lärmbelästigung u.ä.

Ein anderer Aspekt, der mir noch viel wichtiger erscheint, der aber wesentlich subtiler ist und daher meist weniger beachtet wird, ist die geistige Freiheit. Damit meine ich: Wie groß ist das Spektrum an Möglichkeiten zu handeln, zu reagieren, zu bewerten und zu denken? Je stärker unsere Reaktionen konditioniert sind, desto geringer ist unsere Freiheit. Immer wenn wir denken „Der andere ist schuld, dass ich …“, „Ich kann ja nicht anders, weil …“ tappen wir in diese Falle. Wenn wir in unseren eigenen Denk- und Handlungsmustern gefangen bleiben wollen, finden wir immer einen Grund dafür. Wenn wir geistig frei sind, finden wir immer Alternativen. Jesus hatte selbst in einer Situation extremer äußerer Unfreiheit noch die Freiheit zu entscheiden, ob er seinen Peinigern zürnte oder verzieh.

Zur geistigen Freiheit gehört vor allem auch die Unabhängigkeit von der Meinung anderer. Als Kinder hörten viele von uns ganz oft als Begründung dafür, uns auf eine bestimmte Weise zu verhalten: „… weil man das so macht“, … weil sich das so gehört.“ Wir werden darauf gedrillt, darauf zu achten, was andere von uns denken und so zu sein wie die anderen auch. Und vielen Menschen fällt es auch als Erwachsene schwer, sich anders zu verhalten als der Mainstream, andere Meinungen und Werte zu haben und zu vertreten. Dies ist auch ein Entwicklungsprozess. Je älter wir werden, desto leichter wird es in der Regel, uns eine eigene Meinung zu bilden und das zu tun, was unseren eigenen Bedürfnissen entspricht.

Ähnlich ist es mit Bewertungen. Die Ereignisse sind einfach, wie sie sind. Entscheidend ist immer, welche Bedeutung wir ihnen geben, wie wir sie bewerten, wohin wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit geben, welche Prioritäten wir setzen. Jeder kennt das Beispiel, dass dasselbe Glas Wasser entweder halb voll oder halb leer sein kann. Eine bekannte Methode in der Psychotherapie ist das Reframing, ein Ereignis in einen anderen Rahmen stellen, ihm eine andere Bedeutung geben. Wir können uns über kleine Erfolge freuen oder darüber jammern, dass wir das große Ziel noch nicht erreicht haben. Wir können in Sorgen, Frust und Schmerz so versinken, dass wir die Vögel nicht mehr zwitschern hören oder, wie der buddhistische Meister Atisha es nennt, „widrige Umstände in den Bodhipfad (Weg des spirituellen Erwachens) verwandeln“. Damit ist gemeint, dass es im Leben keine Widrigkeiten gibt, die man nicht nutzen könnte, um daran zu wachsen und zu reifen oder zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Wenn wir geistig frei sind – und eine der effektivsten Methoden, zu dieser geistigen Freiheit zu gelangen, ist Meditation – sind wir in der Lage, wahrzunehmen, wie uns Gedanken ins Leiden ziehen können. Im Grunde ist alles Leid dieser Welt auf nichts anderes zurückzuführen. Ich meine damit nicht physischen Schmerz, der eine wichtige Schutzfunktion hat, dem wir aber ebenfalls unterschiedliche Bedeutung geben können. Ich meine das Leiden, das wir für uns selbst und andere durch unsere Gedanken erschaffen. Mit unseren Gedanken erschaffen wir gestörte Emotionen wie Wut, Neid, Eifersucht, Stolz, Gier oder Ignoranz und Gleichgültigkeit. Diese Emotionen erzeugen in uns Leiden und führen oft auch zu destruktiven Handlungen. Es ist aber keineswegs so, dass das ein Naturgesetz ist. Wenn wir uns dieser Gedanken bewusst sind und diesen Mechanismus in unserem Geist beobachten können, dann haben wir auch die Möglichkeit zu überprüfen, ob diese Gedanken dann auch der Wahrheit entsprechen und ob sie für das, was wir wollen – und in der Regel wollen alle Menschen einfach glücklich und zufrieden sein – dienlich sind.  Und wenn nicht, können wir sie ändern oder einfach fallen lassen.

Ich selbst hatte vor einigen Monaten die Vermutung, dass ich durch eigene Dummheit viel Geld verloren hatte. Es war nicht einmal Gewissheit, sondern bloß der Gedanke, dass es wahrscheinlich so war. Und ich konnte beobachten, wie mich dieser Gedanke in sehr unangenehme Gefühle zog. Und dann stellte ich mir die Frage, ob sich denn an meiner realen Lebenssituation irgendetwas verändert hatte. Nein, hatte es nicht. Ich hatte immer noch alles, was ich brauchte. Für mein konkretes Leben machte es im Moment überhaupt keinen Unterschied, ob ich das Geld hatte oder nicht und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht machen. Das eigentliche Problem war also nicht der Verlust des Geldes, sondern der Gedanke, wahrscheinlich einen großen Fehler gemacht zu haben. In dem Moment, wo mir das klar wurde, war es dann auch leichter, den Gedanken als das zu erkennen, was er war: einfach nur ein Gedanke. Und dann ist der Schritt, darüber zu lachen, ihn nicht mehr so ernst zu nehmen und einfach das Leben zu genießen, das jetzt da ist, nicht mehr so schwer.

Geistige Mechanismen dieser Art laufen ständig in uns ab. Je geübter wir darin sind, sie so früh wie möglich zu erkennen, zu durchschauen und uns davon zu distanzieren, desto größer ist unsere Freiheit, ein Leben in Glück und Frieden zu führen.

Unfrei sind wir immer dann, wenn wir unbedingt etwas Bestimmtes haben wollen oder etwas ablehnen, wenn wir glauben, etwas müsste anders sein als es ist. Wenn wir uns mit einer Sache, einer Rolle, einer Idee oder einem Wunsch so stark identifizieren, dass wir keine geistige Distanz mehr dazu haben und nicht mehr in der Lage sind, eine andere Perspektive einzunehmen als unsere eigene. Diese Ego-Zusammenziehung ist körperlich spürbar. Sie ist leidvoll und macht uns eng und starr. Wenn wir uns davon befreien, wird unser Geist weit, leicht, heiter, freudig und liebevoll. Dann ruht er in seinem wahren Wesen und wir können sein, was wir in Wahrheit sind. Und das ist die größte Freiheit, die es gibt.

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