Einsam oder gemeinsam? Gemeinschaft als Herausforderung, Chance und Notwendigkeit

Gemeinschaft 750

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Kein Mensch kann alleine überleben. Nicht nur, weil wir in einer arbeitsteiligen Gesellschaft leben, wo wir darauf angewiesen sind, dass andere ihr Wissen, ihre Begabungen und Fähigkeiten dafür einsetzen, um Dinge herzustellen, die wir brauchen. Wir wissen auch, dass Kinder sterben, wenn sie nur materiell versorgt werden, aber keinerlei emotional-soziale Zuwendung erfahren. Und auch die Menschheit als Ganzes hat nicht (nur) deshalb überlebt, weil der Mensch ein Großhirn ausgebildet hat, sondern vor allem, weil Menschen stets in verschiedenen Formen von Gemeinschaft gelebt und so gemeinsam das Leben gemeistert haben. Als Einzelgänger hätten wir weder den vielen Gefahren der Natur trotzen noch unsere Nahrung sicherstellen und schon gar nicht für den Fortbestand unserer Art sorgen können.

Unsere Verschiedenheit gerät uns dabei zum Vorteil. Wir haben unterschiedliche Stärken und Schwächen, unterschiedliche Fähigkeiten und Neigungen, machen unterschiedliche Erfahrungen und ziehen daraus unterschiedliche Schlüsse. Dadurch können wir eine viel größere Vielfalt an wichtigen und notwendigen Aufgaben erfüllen als das ein Einzelner alleine jemals könnte.

Durch unsere Unterschiedlichkeit haben wir aber auch das Bedürfnis nach Individualität, persönlicher Freiheit, Selbstverwirklichung und Autonomie. Wir haben unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Meinungen, Sichtweisen und Interessen. Und diese Verschiedenheit ist dem Gemeinsamen entgegengesetzt. Sie führt zu Spannungen, Auseinandersetzungen, Streit und Krieg. Sowohl im Kleinen, Persönlichen als auch im Großen, Globalen.

So bewegen wir uns ständig in dem Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Autonomie, dem Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Beziehung und dem Bestreben, individuelle Bedürfnisse zu erfüllen, die eigene Meinung und die eigenen Interessen durchzusetzen. Das Ich geht auf Kosten des Wir und umgekehrt. Und wir sind stets gefordert, diese beiden Pole in einer ausgewogenen Balance zu halten.

In manchen Gesellschaften und Gruppen wird das Wir stärker betont. Die Gemeinschaft entscheidet über die Rolle, die dem Einzelnen zukommt und was dieser darf und was nicht. Das Individuum spielt eine geringe Rolle bzw. ist der Gemeinschaft, der Gruppe, dem Clan oder dem Volk untergeordnet.

In anderen Gesellschaften – wie der unseren – wird der individuellen Freiheit ein höherer Stellenwert beigemessen. Doch dies ist auch erst möglich, wenn auf einer breiteren Ebene ein Solidarsystem bereits etabliert ist, wenn also die Daseinsvorsorge nicht mehr von der Familie, dem Clan, sondern vom Staat, also einer größeren und damit auch anonymeren Gemeinschaft geleistet wird. So bewegen wir uns also nicht nur in der jeweiligen Situation in diesem Spannungsfeld zwischen Ich und Wir, sondern auch im Laufe unserer Entwicklung schwingt das Pendel mal mehr zum einen, mal mehr zum anderen Pol, sowohl individuell, als auch kollektiv.

Die großen Herausforderungen, die wir im 21. Jahrhundert zu bewältigen haben, sind mehr als zu früheren Zeiten nur global zu bewältigen, im gemeinsamen Zusammenwirken von Staaten und Staatengemeinschaften, von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Kein Mensch, keine Gruppe und auch kein Nationalstaat ist heutzutage in der Lage, die großen Herausforderungen unserer Zeit alleine zu lösen, egal ob es um soziale Gerechtigkeit, Fluchtbewegungen von Menschen vor Krieg, Folter, Armut und Umweltkatastrophen, die Flucht von Gewinnen großer Unternehmen vor dem Fiskus in Steueroasen, die Verlegung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer aufgrund ungleicher Sozialstandards und der durch diese Globalisierung zunehmenden Konkurrenzdruck geht oder um die Eindämmung des Klimawandels und die Verhinderung von Kriegen und Konflikten, die nicht nur unter den unmittelbar Beteiligen viel Leid verursachen, sondern auch das gesamte Weltgefüge destabilisieren.

Nur gemeinsam können wir diese globalen Herausforderungen bewältigen. Es mangelt uns nicht an Wissen oder an Technik. Im Prinzip liegen die Lösungen bereits alle auf dem Tisch, ist bei fast allen Themen klar, was getan werden müsste, aber niemand hat die Macht, dies alleine durchzusetzen. Es braucht die Einigung aller beteiligten Akteure. Und das ist schwierig, denn meistens müssen Eigeninteressen aufgegeben werden, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Und was können wir tun, wenn einzelnen Akteuren ihre Eigeninteressen wichtiger sind als das, wovon alle profitieren? Diese Frage beschäftigt mich schon länger, wenn ich das Weltgeschehen der letzten Jahre beobachte, wenn ich sehe, wie mächtige Lobbys oder egozentrische Staatsmänner vernünftige Lösungen torpedieren und deshalb bei vielen brennenden Themen so wenig weitergeht.

Wir sind an einem Wendepunkt der Geschichte angelangt, wo wir neue Entscheidungsstrukturen und neue Konfliktlösungsmodelle brauchen, weil die bisherigen nicht mehr greifen.

Über lange Zeit herrschte in vielen Bereichen das hierarchische System vor. In einem hierarchischen System entscheidet der, der sich an der Spitze der Hierarchie befindet. Das hat viele Vorteile, nicht nur für den, der die Entscheidungsmacht hat und seine eigenen Vorstellungen, was zu geschehen hat, durchsetzen kann. Auch für diejenigen, die sich weiter unten in der Hierarchie befinden, ist das einfach und bequem. Sie brauchen nicht selbst um eine Entscheidung zu ringen, nicht selbst nachzudenken und sie können Verantwortung nach oben abgeben. Das gibt Sicherheit und fördert die Zugehörigkeit. Dieses System funktioniert besonders dann sehr gut, wenn Entscheidungen rasch getroffen oder umgesetzt werden müssen, z.B. beim Militär oder bei der Feuerwehr. Das Haus ist längst abgebrannt, wenn die Feuerwehrleute erst basisdemokratisch darüber diskutieren würden, wie sie das Löschen am besten angehen.

Hierarchische Systeme haben aber auch große Nachteile. Wie ist gewährleistet, dass der, der an der Spitze der Hierarchie steht, auch gute Entscheidungen trifft? In hierarchischen Systemen sind Grausamkeiten möglich, die sonst nie passieren würden. Denn der, der vom Schreibtisch aus die Anweisungen ausgibt, ist nie unmittelbar konfrontiert mit den Auswirkungen seiner Entscheidung, wenn diese schlimmes Leid zur Folge hat. Das natürliche Mitgefühl, das beim Anblick von leidenden Wesen bei den meisten Menschen wachgerufen wird, erreicht ihn nicht, weil er davon zu weit weg ist. Und die, die die grausamen Handlungen unmittelbar ausführen, können sich auf die Befehlskette berufen. Sie haben die Entscheidung dazu ja nicht getroffen, sind nicht dafür verantwortlich, erfüllen ja nur ihre Pflicht zum Gehorsam. Und haben oft tatsächlich Konsequenzen für sich selbst zu erwarten, wenn sie sich widersetzen, vom Positions- und Jobverlust bis hin zum Tod.

In demokratischen Systemen wird die Verantwortung immerhin auf eine größere Gruppe von Menschen verteilt. Es entscheidet die Mehrheit, und meistens ist damit eine höhere Qualität an Ergebnissen zu erwarten. Es gibt mehr Menschen, die mitreden können und Entscheidungen müssen argumentiert werden, damit sie eine Mehrheit finden. Aber auch demokratische Systeme haben ihre Schwächen und Grenzen. Die Mehrheit kann über Minderheiten drüberfahren. Im schlimmsten Fall werden Entscheidungen getroffen, mit denen 49,99 % der Betroffenen nicht einverstanden sind. Und dann stellt sich noch die Frage, ob diejenigen, die über eine Sache abstimmen, überhaupt genug darüber wissen, um eine gute und richtige Entscheidung treffen zu können, vor allem, wenn es um komplexe Themen geht, wo die Auswirkungen einer Entscheidung selbst von Fachleuten kaum überblickt werden können. Der Demagogie wird hier ein weiter Raum eröffnet. Und wenn ich mir so manches demokratische Wahl- und Abstimmungsergebnis der letzten Jahre in vielen Ländern der Welt anschaue, überkommen mich schon Zweifel, ob demokratische Systeme, vor allem in der meist vorherrschenden Form, tatsächlich schon das Non-plus-ultra sind. Manche wünschen sich dann wieder autoritäre Herrschaftssysteme her, doch ein Zurück in der Geschichte kann nicht die Lösung sein. Wir müssen uns weiterentwickeln und in die Zukunft schauen.

Vor allem in kleineren Gruppen und vielfach unbemerkt von der öffentlichen Aufmerksamkeit werden deshalb an vielen Orten neue Entscheidungsstrukturen versucht, erprobt und weiterentwickelt. Entscheidungsstrukturen, die sowohl die Probleme der Hierarchie als auch der klassischen Demokratie überwinden. Konsensale Entscheidungsstrukturen, bei denen nicht die Mehrheit über eine Minderheit entscheidet, sondern alle gemeinsam an einer Lösung arbeiten, die von allen mitgetragen werden kann. Doch auch diese haben Nachteile. Sie erfordern viel Kraft und Engagement von jedem Einzelnen, die Notwendigkeit, sich selbst zu informieren und die Bereitschaft, sich mit dem jeweiligen Thema und mit den anderen Beteiligen intensiv auseinanderzusetzen und das Gemeinsame über die egoistische Durchsetzung von Eigeninteressen zu stellen. Der Vorteil jedoch ist, dass es nicht nur eine Abstimmung zwischen Schwarz und Weiß gibt, sondern auch Grautöne, und dass Entscheidungen vermieden werden, die hohen Widerstand hervorrufen und damit neue Probleme verursachen. Konsensale Entscheidungsstrukturen ermöglichen allen ein hohes Maß an Beteiligung und Mitbestimmung, erfordern aber auch eine hohe soziale Kompetenz. Was tun, wenn wichtige Mitglieder diese Kompetenz nicht mitbringen und der ganze Prozess an deren Ausscheiden aus dem System scheitert, weil sie lieber eine Entscheidung im Alleingang wählen, die letztlich zum Schaden aller ist?

Wenn es keine Instanz mehr gibt, die durch autoritäre Bestimmungen oder Mehrheitsbeschlüsse eine wichtige Sache durchdrücken kann, sind wir darauf angewiesen, einen Konsens zu finden und gemeinsam daran zu arbeiten, um zu einer guten Lösung zu kommen. Das gilt im Großen, auf der weltpolitischen Bühne, im Mittleren, etwa innerhalb politischer Parteien, Organisationen, Vereine, Betriebe und Projekte und auch im Kleinen, in Familien, Paarbeziehungen und kleinen Gemeinschaften.

Das ist nicht immer einfach. Von einer funktionierenden Gemeinschaft profitieren alle. Aber sich darauf einzulassen erfordert auch, ein Stück Autonomie aufzugeben, nicht mehr die alleinige Entscheidungsmacht zu haben, angewiesen zu sein auf das, was andere tun, ohne Einfluss darauf zu haben. Wie viele Menschen leben lieber als Singles als sich auf den mühsamen Prozess der Gemeinschaftsfindung einzulassen, der schon beim Eingehen einer Partnerschaft notwendig ist? Und wie viele Ehen, wie viele Beziehungen scheitern daran?

Auch in unserer Wohngemeinschaft ist das Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Autonomie immer wieder präsent. Was machen wir gemeinsam? Wie viel Autonomie und Selbstbestimmung braucht jeder einzelne? Eine Gemeinschaft wie die unsere ist diesbezüglich ein ideales Übungsfeld. Und Übungsfelder wie diese braucht es viele. Denn wie können wir von den großen Entscheidungsträgern dieser Welt erwarten, dass sie das schaffen, wenn es uns nicht einmal im kleinen Rahmen gelingt?

Erst wenn es eine Vielzahl an gelungenen Beispielen gibt, wenn sich viele konsensale Entscheidungsmodelle im Kleinen etabliert haben, die funktionieren, wird dadurch ein Feld erzeugt, das das auch auf globaler Ebene ermöglicht. Erst dann werden wir die großen Probleme dieser Welt lösen können.

Leider sind wir derzeit an einen Punkt gekommen, wo zwei Menschen, die ich sehr liebgewonnen habe, unsere Wohngemeinschaft verlassen werden. Und der Prozess, der dieser Entscheidung in den letzten Wochen und Monaten vorausgegangen ist, hat mir umso mehr bewusstgemacht, wie wichtig, wie zentral die Notwendigkeit ist, gemeinschaftsfähig zu werden und Prozesse der Gemeinschaftsbildung und der Entscheidungsfindung zu üben und damit zu experimentieren. Weil wir aufeinander angewiesen sind. Im Kleinen und im Großen. Weil wir nur als soziale Wesen überleben können. Als Individuen. Und als Menschheit auf diesem Planeten.

Deshalb sind wir nun wieder auf der Suche nach Menschen, die sich auf diesen Prozess einlassen möchten. Die sich vorstellen können, gemeinsam mit uns zu wohnen und zu leben, Ressourcen zu teilen, sich gegenseitig zu unterstützen, voneinander zu lernen und Strukturen zu erproben, wie wir Konflikte konstruktiv lösen und zu gemeinsamen Entscheidungen kommen, die für alle gut sind. Die die Chance, gemeinsam statt einsam das Leben zu meistern, ergreifen wollen.

 

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