Spirituelle Entwicklung – was ist das eigentlich?

Auf die Frage, was spirituelle Entwicklung eigentlich ist, kann man natürlich viele Antworten geben. Denn das Thema hat unglaublich viele Facetten und ich erhebe nicht den Anspruch, es hier erschöpfend zu behandeln.

Stattdessen möchte ich auf einen Aspekt eingehen, der mir sehr wichtig erscheint, der aber oft nicht im Bewusstsein jener Menschen ist, denen spirituelle Entwicklung ein Anliegen ist. Denn oft wird bei diesem Begriff vor allem an tiefe, erhebende Erfahrungen in oder auch außerhalb der Meditation gedacht, allenfalls noch an intuitive Eingebungen oder feinstoffliche Wahrnehmungen. All das hat natürlich seine Berechtigung, ist gut und wichtig.

Die Dualität überwinden

Was mir jedoch im letzten Jahr besonders aufgefallen ist: Gerade Menschen, die sich das Etikett „spirituell“ auf ihr Fähnchen heften, sind oft tief in der Dualität verhaftet, ohne es zu merken. Spirituelle Entwicklung ist jedoch der Weg zu immer mehr Ganzheit, also die Überwindung von allen Dualitäten.

Der Geist wird dabei immer weiter und kann immer mehr Komplexität zulassen. Je weiter entwickelt jemand ist, desto weniger Persönlichkeitsanteile, Erfahrungen, Meinungen und Lebensweisen wird er abspalten und im Außen bekämpfen, also in den Schatten schieben. Er kann Entscheidungen vorausschauender treffen und immer mehr Faktoren und Eventualitäten mit einbeziehen. Die Spaltung der Welt in Gut und Böse weicht einem tiefen Verstehen von Zusammenhängen und Abhängigkeiten.

Erfahrungen sind einfach Erfahrungen. Sie werden nicht mehr unterteilt in solche, die angenehm und daher anzustreben und solche, die unangenehm und daher abzulehnen sind.

Spirituelle Entwicklung ist Bewusstseinsentwicklung

Spirit bedeutet Geist, Bewusstsein. Spirituelle Entwicklung ist also die Entwicklung des Bewusstseins. Und das lässt sich nicht trennen von der Entwicklung der gesamten Persönlichkeit. So kann regelmäßige Meditation die spirituelle Entwicklung zwar sehr vorantreiben. Letztere findet aber keineswegs nur auf dem Kissen statt, sondern umfasst das ganze Leben. Und da zeigt sich dann, wie spirituell jemand wirklich ist.

Seit Corona die Welt regiert, hat sich eine deutliche Spaltung der Gesellschaft aufgetan. Diese Entwicklung ist zwar nicht erst seit Corona zu beobachten, sondern es gab sie auch schon zuvor, etwa bei den Themen Klimawandel, Flüchtlinge und Bundespräsidentenwahl. Durch Corona zieht sich diese Spaltung aber auch deutlich durch sogenannte „spirituelle Kreise“ und damit auch durch meinen eigenen Freundes- und Kollegenkreis.

Was zeichnet spirituell hoch entwickelte Menschen aus?

Dabei ist mir aufgefallen, dass sich die echten spirituellen Größen, also jene Menschen, die tatsächlich weit entwickelt sind, nie in diese Polarisierung hineinziehen lassen. Sie können den Raum halten, in dem alle Facetten eines Themas, alle Fürs und Widers, alle unterschiedlichen Betroffenheiten Platz haben.

Und sie können die Unwissenheit aushalten, die gerade beim Corona-Thema an so vielen Punkten noch da ist. Sie hüten sich davor, sich in ein Lager, auf eine Seite zu schlagen, die Meinungen anderer unreflektiert nachzuplappern und unüberprüfte Halbwahrheiten weiter zu verbreiten. Und können dennoch Stellung beziehen, und das auf differenzierte Weise.

Integration des „Anderen“

Spirituelle Entwicklung geht vom „Ich“ zum immer größer werdenden „Wir“ zum „Wir alle“. Das ist schwer zu vereinbaren mit einem Rückzug in die eigene Blase, wo man sich nur mit Menschen abgibt, die dieselbe Meinung vertreten und sich so gegenseitig bestärken.

Denn Wachstum und Weiterentwicklung passiert immer dann, wenn wir uns dem „Anderen“ stellen, wenn wir uns ernsthaft mit Menschen auseinandersetzen, die völlig andere Anschauungen und Erfahrungen, einen anderen Lebensstil und Lebensentwurf haben. Natürlich ist das viel anstrengender und bei weitem nicht so bequem. Es erfordert die Bereitschaft, ein Stück scheinbare Sicherheit aufzugeben. Jene scheinbare Sicherheit, dass die Welt so ist, wie wir sie sehen und dass wir auf der richtigen Seite stehen.

Wachstumsschmerzen

Wir riskieren dabei, das, womit wir uns bisher identifiziert haben, zu relativieren und in Frage zu stellen. Und aus jenen sozialen Kreisen herauszufallen, in denen wir uns bisher wohl und geborgen gefühlt haben. Die uns soziale Sicherheit geben. Über sie hinauszuwachsen ist fast immer mit Schmerz verbunden. Mit Wachstumsschmerzen. Manchmal sogar mit Wehmut und Abschied. Und vor allem mit Unsicherheit und dem Nicht-Wissen, wie es weitergeht. Diesen Schritt zu wagen, erfordert Kraft und Mut. Und die Bereitschaft, allein zu sein, einsam zu sein, aus der Reihe zu tanzen. Im Extremfall sogar, angefeindet zu werden.

Die Weisheit der Unterscheidung

Die große Kunst ist allerdings, zu unterscheiden, wo es tatsächlich um Weiterentwicklung geht und wo wir uns bloß in eine Illusion, in ein Konzept, eine Ideologie verrennen. Interessanterweise sind in der Astrologie sowohl Spiritualität/Erwachen/Auflösung des Ego als auch Illusion/Täuschung demselben Archetypen zugeordnet, nämlich dem Prinzip Neptun/Fische/12. Haus.

Heroische Außenseiter sind nicht automatisch hochentwickelte Menschen, sondern manchmal auch verbohrte Fanatiker. Konsequent den eigenen Weg zu gehen haben sie gemeinsam. Aber während fanatische Ideologen spalten und sich verbissen in eine Sache hineinsteigern, manchmal sogar hasserfüllt, intolerant und rücksichtslos sind, können spirituell hochentwickelte Menschen auch Andersdenkenden Liebe und Verständnis entgegenbringen, anstatt sie zu bekämpfen. Und das in aller Klarheit und Aufrichtigkeit.

Integration ungelebter Persönlichkeitsanteile

Spirituelle Entwicklung bedeutet immer, etwas wahrzunehmen, zuzulassen und zu integrieren, was wir bisher abgelehnt und abgespalten oder auf andere projiziert haben. Das kann sich in vielen Bereichen zeigen. Zum Beispiel können Männer, anstatt ihre weiblichen Anteile auf die Partnerin zu projizieren, diese in sich selbst entwickeln und leben. Und Frauen umgekehrt. Das muss die Liebe nicht schmälern, im Gegenteil. Aber es verringert die Abhängigkeit, weil wir in uns selbst ganz sind und die Ergänzung durch den Partner oder die Partnerin nicht mehr so brauchen.

Es kann aber auch heißen, dass jemand die Seite wechselt, zum Beispiel vom Arbeitnehmer zum Unternehmer, vom Mieter zum Vermieter, vom Kunden zum Verkäufer, vom Schüler zum Lehrer, vom Kind zur Mutter oder zum Vater usw.

Besonders schwierig wird es dann, wenn wir gefordert sind, geistige Konzepte, mit denen wir uns bisher stark identifiziert haben, aufzugeben. Wenn wir feststellen, dass sie uns einengen, dass sie nicht mehr taugen, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Es erfordert Mut, einfach hinzuschauen, was ist und was die konkrete Situation erfordert, wenn wir dabei feststellen, dass das allem widerspricht, was wir bisher für gut und richtig gehalten haben. Aber genau an diesem Punkt passiert Entwicklung.

Ja, immer dann, wenn wir es wagen, etwas Neues auszuprobieren, in neue Rollen zu schlüpfen, die Perspektive zu wechseln, etwas ganz anders zu machen als bisher und Eigenschaften in uns zu entwickeln, die bisher brach gelegen sind, haben wir die Chance, uns weiterzuentwickeln und über uns selbst hinauszuwachsen. Immer weniger wird uns fremd erscheinen.

Bis Gott in sich selbst ruht

Dieser Prozess geht weiter und immer weiter. Es gibt stets etwas Neues zu entdecken und unendlich viel zu integrieren. Das Wachstum nimmt kein Ende. Bis alles Teil von uns selbst geworden ist. Bis uns nichts mehr fremd ist. Erst wenn wir eines Tages mit allem eins geworden sind, mit der Menschheit und dem ganzen Universum und mit dem göttlichen Urgrund, aus dem es hervorgeht, wenn es nichts mehr außerhalb von uns gibt, dann ist dieser Prozess zu Ende und Gott ruht in sich selbst. Bis ein neues Universum aus Ihm entspringt.

4 Gedanken zu “Spirituelle Entwicklung – was ist das eigentlich?”

  1. Liebe Silvia, dein wunderbarer und in meinen Augen so wichtiger Text spricht mir aus dem Herzen!
    „Die Unwissenheit aushalten“ – darum geht es doch immer wieder im Leben. Manchmal sind die Lösungen einfach nicht gleich zur Hand. Und das ist ok so. Das darf ausgehalten und das Vakuum nicht mit schnellen Antworten gefüllt werden. Die Dualität ist derzeit wirklich DAS Thema. Gehen wir in Verbindung.

    Gefällt 1 Person

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