Der Wert des Lebens

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Was ist uns das Leben von Menschen wert?

Was ist uns das Leben von Menschen wert? Wenn es um das Leben junger Menschen aus Afrika geht, die im Mittelmeer mit Schlauchbooten kentern, offenbar sehr wenig. Denn die Welt sieht dem Sterben von Tausenden seit Jahren tatenlos zu und kriminalisiert auch noch die wenigen, die nicht mehr länger zusehen wollen.

Wenn es um Millionen von Kindern geht, die verhungern oder an Durchfall sterben, weil sei kein sauberes Wasser haben, zuckt kaum jemand mit den Achseln, obwohl es bei entsprechendem politischem Willen sicher möglich wäre, allen Menschen ausreichend Nahrung und Trinkwasser zukommen zu lassen. Aber da haben andere Interessen Priorität.

Können wir den Tod verhindern?

Und wenn sich ein Virus verbreitet, das vor allem alte und schwer kranke Menschen bedroht, steht die Welt still. Warum gerade jetzt? Können wir denn den Tod verhindern, indem wir das Leben zum Stillstand bringen?

Wie viele Todesfälle können durch die Corona-Maßnahmen verhindert werden? Ein paar Hundert? Ein paar Tausend? Zehntausende? Nein, die Antwort lautet: Genau null. Warum? Die Zahl der Todesfälle ist von einem einzigen Faktor abhängig, nämlich von der Zahl der Zeugungen. Jedes Wesen, das gezeugt wird, muss sterben. Da kommen wir nicht darum herum. Den Tod können wir nicht verhindern, auch nicht mit noch so drastischen Maßnahmen, auch nicht mit noch so viel Vorsicht, auch nicht mit dem besten Gesundheitssystem der Welt.

Lebensdauer oder Lebensqualität?

Entscheidend ist jedoch das Wie, das Wann und vor allem: Wie ist das Leben dazwischen? Zwischen Zeugung und Tod.

Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass es umso besser ist, je länger wir leben. Aber ist das tatsächlich so? Ich stelle mir zwei Szenarien vor:

  1. Ich werde hundert Jahre alt. Die letzten zehn Jahre meines Lebens bin ich pflegebedürftig, kann kaum mehr sehen und hören, mich kaum mehr bewegen, habe Schmerzen und kann meinen Alltag nicht mehr selbstbestimmt gestalten.
  2. Ich sterbe nächste Woche plötzlich an einem Unfall oder einer Gehirnblutung. Bis auf die letzten paar Minuten hatte ich ein schönes, selbstbestimmtes Leben.

Und ich stelle mir die Frage, welches Szenario mir lieber wäre. Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich lebe gerne und wäre schon noch gerne eine Weile hier. Aber wenn es jetzt vorbei wäre, wäre es genauso okay. Das Leben verlängern, um jeden Preis? Nein, das möchte ich nicht. Ein früherer Tod kann auch bedeuten, sich einiges an Leiden zu ersparen. Vor allem, wenn man sowieso schon schwer krank ist. Aber bedeutet das, dass ein Leben mit Leiden keinen Wert mehr hat?

Was ist der schlimmere Tod? Tagelange Atemnot und Multiorganversagen aufgrund einer Virusinfektion oder monatelanges Leiden im Endstadium von Krebs? Ich weiß es nicht. Natürlich wünsche ich mir weder das eine noch das andere, sondern einfach nur friedlich hinüberzuschlafen. Aber es kommt, wie es kommt. Und so wird es okay sein.

Was ist der Tod?

Und vor allem: Was ist der Tod? Er ist ein Teil des Lebens, ein Übergang in eine andere Seinsform, wie auch immer diese aussieht. Sicher nichts Schlimmes. Teil der permanenten Veränderung, die dem Leben innewohnt. Lebewesen werden geboren, verändern sich, altern, sterben, werden wiedergeboren. Ein ewiger Kreislauf. Das Leben lässt sich vom Tod nicht aufhalten und der Tod nicht vom Leben. Leben und Tod sind untrennbar miteinander verbunden. Es sind bloß immer wieder neue Formen, die entstehen und wieder vergehen.

Das Leben ist lebensgefährlich

Interessanterweise ist oft genau das, was das Leben lebenswert macht und die Gesundheit fördert, das, was das Leben auch gefährdet. Seit Wochen wird uns eingehämmert, dass wir Abstand halten sollen, um Infektionen zu vermeiden. Und prinzipiell gilt das ja immer. SARS CoV-2 ist nicht das einzige Virus, das durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. Doch Nähe, auch körperliche Nähe, brauchen wir. Kein Kind würde ohne Körperkontakt das Erwachsenenalter erreichen. Und gerade jene pflegebedürftigen Menschen, die es durch Abstand halten besonders zu schützen gilt, würden ohne Nähe zu anderen Menschen nicht mehr lange leben.

Besonders krass wird es beim Sex. Bekanntlich können durch Sex bestimmte Krankheiten übertragen werden. Gleichzeitig ist Sex eines der lustvollsten und lebenswertesten Erfahrungen. Nun stellen wir uns einmal vor, es käme jemand auf die Idee, allen Menschen Sex zu verbieten, um sexuell übertragbare Krankheiten auszurotten. Natürlich würde das nicht funktionieren. Aber nehmen wir einmal an, das gelänge. Dann würden zwar die Krankheiten ausgerottet werden, die Menschheit aber gleich mit.

Aus Angst vor dem Tod auf das Leben verzichten?

Wahrscheinlich haben die Corona-Maßnahmen auch positive Nebeneffekte, z.B. weniger Unfalltote, weniger stressbedingte Herzinfarkte oder nächtliche Alkoholleichen. Aber sollen wir das Haus nicht mehr verlassen, weil wir unterwegs einen Unfall haben könnten? Sollen wir nicht mehr arbeiten, wenn uns der Beruf zu sehr stresst? Keinen Sport mehr betreiben, weil wir uns dabei verletzen könnten? Uns nicht mehr in die Wiese setzen, weil uns eine Zecke beißen könnte?

Auch im Haushalt kann man verunglücken, auch Sinnlosigkeit und Unterforderung stresst, auch Bewegungsmangel macht krank und der Aufenthalt in der Natur ist eines der besten Heilmittel. Wie wir es drehen und wenden: Fast alles, was wir tun und was das Leben interessant und lebenswert macht, ist auch mit dem Risiko behaftet, dabei krank zu werden und zu sterben. Und das Gegenteil ebenso. Direkt oder indirekt. Kurz- oder langfristig. Das Leben ist nun einmal lebensgefährlich. Jederzeit kann der Tod uns selbst oder unsere Liebsten aus dem Leben reißen. Doch wer sich ständig nur fürchtet, kann das Leben nicht mehr genießen. Das, was jetzt ist, den Augenblick.

Und was nutzt es, sich vor etwas zu fürchten, was wahrscheinlich nie eintritt und gleichzeitig die Gegenwart, die schön und freudvoll ist, zu verpassen? Natürlich müssen wir nicht leichtsinnig sein, können wir für unsere Gesundheit und Sicherheit und die anderer Menschen bis zu einem gewissen Grad etwas tun. Aber wo ist die Grenze? Wo beginnen Vorsicht und Absicherung, uns am Leben zu hindern? Leben ist Freude und Trauer, Begegnung und Zusammensein, ist berühren und berührt werden, nehmen und geben, schaffen und erleben, atmen und sich bewegen, arbeiten und genießen, wirtschaften und konsumieren, geboren werden und gebären, zu Grabe tragen und sterben. Wollen wir auf all das verzichten?

Die Chance des Innehaltens

Wenn das Leben einmal scheinbar stillsteht, kann das ein guter Zeitpunkt sein, sich des Wertes des Lebens bewusst zu werden. Es ist ein guter Zeitpunkt, sich zu überlegen, wie wir denn in Zukunft leben wollen. So wie bisher? Oder gibt es etwas, was nach der Krise, nach diesem erzwungenen Innehalten, anders sein soll?

Und auch die Stille ist Teil des Lebens. Sie ist der Ursprung alles Neuen, jeder Kreativität. Und ich bin schon sehr gespannt, was dieses weltweite Innehalten neben allen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Katastrophen an Unerwartetem und Neuem hervorbringen wird. Wo das Leben weitergeht. Und wo es eine Wende nimmt. Und welche Rolle wir alle dabei spielen können.

Und gerade entsteht in mir die noch unreife Idee, uns im nächsten Yoga Vertiefungskurs im Herbst genau dieser Frage zu widmen: Wie können wir, da wo jeder von uns steht, aus der Kraft der Stille, aus der Kraft unserer yogischen Praxis diese neue Welt, die gerade jetzt im Entstehen ist, so gestalten, wie wir sie haben wollen?

 

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