Karma

Gang 750

Das Land ist karg, doch bunte Blumen und üppig blühende Büsche und Sträucher zieren die Gärten. Die Straßen sind von Zedern gesäumt. Es ist sonnig und heiß. Ich befinde mich in Phönizien, das zur Provinz Syria gehört, einem Teil des Römischen Reiches. Dort, wo die leicht abfallende Straße um die Kurve geht, steht ein großes, schönes, weißes Haus. Hier lebe ich mit meiner Frau, mehreren Kindern und ein paar Haussklaven. Ich bin ein angesehener, wohlhabender und gebildeter Patrizier, Schreiber von Beruf. Auch meine Frau ist gebildet und arbeitet als Lehrerin. Unsere Kinder sind noch recht klein. Meine Sklaven behandle ich gut. Sie leben bei mir als Teil der Familie und ich sorge gut für sie. Eine junge Sklavin, die im Haushalt arbeitet, hat es mir besonders angetan. Sie ist tüchtig und macht ihre Arbeit mit Freude, singt und lacht viel. Ich liebe ihr Wesen. Mein Verhältnis zu ihr ist herzlich und unbekümmert. Sie hat eine bevorzugte Stellung in meinem Haus und genießt mein Vertrauen.

Eines Tages kommt sie zu mir, lässt sich vor mir auf die Knie fallen und bittet, ja fleht mich an, ihr die Freiheit zu schenken. Ich sehe die Szene genau vor mir, ihre Kleidung, ihre Gebärden. Ich bin schockiert und erbost über die Dreistigkeit ihres Ansinnens, reagiere abweisend. Innerlich bin ich vor allem tief gekränkt. Sie hat doch bei mir alles, was sie braucht. Es geht ihr doch gut. Warum will sie weg von mir? Ich will sie nicht gehen lassen. Ich will sie nicht verlieren. Ich gewähre ihr die Freiheit nicht.

Sie bleibt bei mir und dient weiterhin in meinem Haus. Aber unser Verhältnis ist nicht mehr wie früher. Die Unbeschwertheit ist weg. Ich bin kühler und reservierter und sie hat ihre Fröhlichkeit verloren. Physisch konnte ich sie halten. Aber ihre Liebe nicht.

Dutzende Leben vergehen, mindestens 1800 Jahre. Ich weiß nicht, ob ich ihr in all dieser Zeit wieder begegnet bin und falls ja, in welcher Konstellation.

Und dann kommt sie wieder in mein Haus. Endlich. So lange habe ich auf sie gewartet. Ich bin glücklich, dass sie zu mir gekommen ist. Als Freundin und Gefährtin, mit der ich mein restliches Leben verbringen möchte. Ich öffne mein Haus und mein Herz für sie, ganz weit. Unser Verhältnis ist harmonisch und unbeschwert. Ich liebe ihr Wesen, bin bereit, mein Haus, mein Leben und alles, was ich habe, mit ihr zu teilen. Mit ihr an meiner Seite möchte ich alt werden. Neben meinem Mann ist sie ist einer der zwei wichtigsten Menschen in meiner zweiten Lebenshälfte. So sehe ich es und kann mir gar nichts vorstellen, was uns entzweien könnte. So nah ist sie mir. So vieles verbindet mich mir ihr.

Nach einer Weile läuft es nicht mehr ganz so rund. Die Beziehung zu ihr beginnt mir immer mehr zu entgleiten. Sie, die ehemalige Sklavin, engagiert sich für die, die jetzt am schlimmsten versklavt werden: Die Tiere. Ich unterstütze dieses Anliegen und schätze ihr Engagement, kann ihr das aber nicht ausreichend vermitteln. Und dann möchte sie einen Hund retten und in unser Haus bringen. Bei aller Hochachtung vor ihrer Motivation will ich keinen Hund in unserem Haus und sage nein.

Wenig später beschließt sie zu gehen. Ich bin zutiefst geschockt, stürze in Traurigkeit und Verzweiflung. Ein Lebenstraum bricht in mir zusammen. Wenn ich die Macht hätte, sie zu halten, würde ich es (wieder) tun. Aber diesmal ist sie ein freier Mensch. Sie kann gehen, wohin sie will. Und sie verlässt mich und geht.

Ob sie glücklicher ist ohne mich, weiß ich nicht. Ich jedenfalls bin todunglücklich. Monate vergehen. Doch mein Herz will nicht aufhören zu bluten, die Tränen nicht aufhören zu fließen. Der Kummer frisst sich in meine Brust. Eine tiefe Traurigkeit überschattet mein Leben. Das Band zwischen uns ist noch nicht gelöst. Altes Karma wurde eingelöst, neues ist entstanden.

Je mehr Zeit vergeht, desto schlimmer wird es, desto höher wird der innere Druck sie wiederzusehen. Um die so abrupt abgebrochene Beziehung zu einem guten Ende zu bringen. Doch es gelingt mir nicht. Sie will mich nicht mehr sehen. „Du brauchst mich nicht um abzuschließen. Alles, was du dazu brauchst, hast du in dir“, sind ihre letzten Worte.

Ich will wieder durchatmen können, wieder Freude am Leben haben, Frieden finden in meinem Herzen. Ich muss den Knoten in meiner Brust lösen, bevor er sich physisch manifestiert. Vieles habe ich schon versucht, nichts hat geholfen. Doch ich habe noch eine Lebensaufgabe vor mir. Das Leben ist so schön, so vielfältig, so spannend. Ich will leben.

Schließlich trete ich eine Innenweltreise an, mit liebevoller Führung und Begleitung.

Meine Begleiterin führt mich in eine Tiefenentspannung. Ich steige eine Treppe hinab, die in mein Unterbewusstsein führt. An ihrem Ende ist ein Gang mit Türen. Ich wähle die erste Tür links, auf der ihr Name steht. Ich bin aufgeregt, als ich die Türe öffne. Ich weiß, dass dahinter der Symbolraum ist. Was wird mich dort wohl erwarten?

Ich trete in ein düsteres Gewölbe, kann nichts Klares sehen. Als ich das Licht einschalte, hängt von der Decke herab eine nackte Glühbirne. Mir fällt gleich auf, dass am Ende des Raumes eine weitere Treppe nach unten führt, ignoriere diese aber vorerst. Ich will mich nicht mit ihr beschäftigen. Ich sehe mich im Raum um. Auf der rechten Seite ist etwas, eine Art Regal. Ich versuche etwas zu erkennen.

Schließlich sehe ich ein großes Glas. Darin befinden sich tibetische Gebetsfahnen. Ich breche in Tränen aus. Die Gebetsfahnen hängen immer noch an unserem Gartenhaus. Sie aufzuhängen war eines der ersten Dinge, die sie tat, als sie eingezogen ist. Sie sind eine lebendige Erinnerung an die schöne gemeinsame Zeit und an das, was uns verbindet.

Ich folge dem Impuls, die Fahnen aus dem Glas zu nehmen und in dem Gewölbe aufzuhängen. Es wird dadurch gleich gemütlicher. Und auf der linken Seite ist jetzt ein Fenster.

„Was sagen dir die Fahnen?“ will meine Begleiterin wissen.

„Sie haben eine Botschaft an mich. Das, was auf ihnen geschrieben steht.“

Es ist das Mantra OM MANI PEME HUNG. Das klare Bewusstsein, das strahlend und geschliffen ist wie ein Diamant, in der Lotusblüte meines Herzens. Ich verstehe die Botschaft noch nicht ganz und möchte darüber meditieren. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Ich verschiebe es auf später.

„Lass sie jetzt einmal in den Raum kommen“, fordert mich meine Begleiterin auf. Sie erscheint in dem Raum, so wie ich sie in Erinnerung habe. In ihrer Gegenwart werde ich ruhiger.

„Was sagt sie?“

„Sie sagt gar nichts. Sie schaut mich nur an.“

„Was ist noch in dem Raum?“

„Am Ende ist eine Wendeltreppe“, sage ich jetzt.

„Da ist offenbar etwas, was noch tiefer liegt. Möchtest du sie hinuntersteigen?“

Ich zögere noch etwas, doch die Neugierde, was sich dort unten verbirgt, ist größer. Ich steige die Treppe hinab.

Zu meiner Überraschung befindet sich unten ein viel schönerer, heller, sehr hoher Raum. Eigentlich ist es gar kein richtiger Raum, ich bin schon halb im Freien. Ich fühle mich hier sehr fremd, habe keine Ahnung, wo ich bin. Es gibt auch keine Einrichtung. Nur Säulen und einen Brunnen, aus dem Wasser in ein Marmorbecken sprudelt. Und große Palmen stehen hier.

„Bist du in einer anderen Zeitepoche?“ fragt mich meine Begleiterin, nachdem ich ihr beschrieben habe, was ich sehe.

Da wird es mir klar. Ja, ich bin in einem historischen Gebäude. In einem römischen Atrium. Mir wird auch sofort klar, wo es mich hinführen will. Zu der Erinnerung an mein Leben im römischen Reich, die ich vor ein paar Monaten hatte. Ich erzähle kurz davon.

„Kommt sie in diesem Leben auch vor?“ fragt meine Begleiterin.

„Ja, sie ist eine meiner Haussklaven. Meine Lieblingssklavin.“

„Was für eine Beziehung hast du zu ihr?“

„Eine sehr freundschaftliche. Es geht ihr gut bei mir.“

„Welche Gefühle hast du ihr gegenüber? Sind es freundschaftliche oder sexuelle?“

„Beides.“ Mir wird bewusst, was ich bei meiner ersten Erinnerung nicht so genau wahrhaben wollte: „Ich habe sie mir auch manchmal genommen.“

„Wie hat sie reagiert?“

„Sie hat es über sich ergehen lassen. Es blieb ihr nichts anderes übrig.“ Dann erzähle ich von der Szene, wo sie sich vor mir niederwarf und mich um die Freiheit bat. Diese Szene hat im Atrium stattgefunden.

„Wie reagierst du?“ fragt mich meine Begleiterin.

„Nach außen hin erbost über die Anmaßung ihres Ansinnens. Innerlich aber bin ich vor allem verletzt. Ich reagiere hart und kalt, um die Verletztheit nicht spüren zu müssen.“

„Wie fühlt sich das körperlich an?“

„Es ist wie ein Panzer auf meiner ganzen Vorderseite.“

Mir fällt ein, dass ich ihr einmal einen Traum erzählt habe. Einen sehr schönen und intimen Traum, in dem ich ihr sehr nahe war.

Meine Begleiterin fordert mich auf, zu der Situation zu gehen, wo ich ihr diesen Traum erzähle. Es ist in der Küche. „Wie reagiert sie?“ fragt sie mich.

„Gar nicht. Sie schaut mich nicht an und sagt gar nichts, macht einfach mit dem weiter, was sie tut. Erst in der Trennungsphase, an dem Tag, als sie mir mitteilte, dass sie ausziehen will, hat sie mich darauf angesprochen und mir gesagt, dass sie nie mehr so eine Beziehung eingehen will. Von dem Tag an, als ich ihr den Traum erzählte, war sie reservierter mir gegenüber. Das war die Wende. Von da an hat sie begonnen, sich immer mehr von mir zurück zu ziehen.“ Den Panzer, die kühle Reserviertheit, die ich damals hatte, spüre ich in meinem jetzigen Leben bei ihr.

„Woraus besteht der Panzer?“ fragt mich meine Begleiterin.

„Er ist wie eine Kruste.“

„So wie die, die sich auf einer Wunde bildet?“

„Ja, genau so. Und sie bröckelt jetzt ab.“

„Was passiert, wenn sie abgebröckelt ist? Wie reagiert sie?“

„Sie reagiert erstaunt. Ihre Gesichtszüge werden weicher. Und sie ist mir mehr zugewandt. Sie erzählt mir, wie es ihr gegangen ist, als ich ihre Grenzen überschritten habe. Ich höre ihr zu. Erst jetzt wird mir bewusst, was ich getan habe. Bisher hatte ich das als mein gutes Recht gesehen. Sie war meine Sklavin, ich ihr Herr. Sie gehörte mir, ich konnte über sie verfügen.“

Als mein Panzer abgebröckelt ist, ich ihr zuhöre und ihre Gefühle an mich heranlasse, sind wir auf einer Ebene. Ich kann ihre Gefühle wahrnehmen. Sie ist eine selbstbewusste Frau. Mit einem Bewusstsein für ihre Würde. Jetzt ist plötzlich sehr viel Nähe da zwischen uns.

„Frag sie, ob sie bereit ist, dir im Umgang mit ihrer späteren Inkarnation zu helfen.“

Ja, sie ist es.

„Was sagt sie dir?“

„Sie sagt, ich soll einfach mal hören, was sie zu mir sagt.“

„Und was sagt sie?“

„Lass einfach los. Liebe und Freundschaft kann man nicht erzwingen.“ Ich weine. „Ich will es auch nicht erzwingen. Ich möchte es von ihr freiwillig.“

Ich lasse los. Es ist erleichternd. Ich werde ruhig und entspannt.

„Lade sie jetzt wieder ein in deinen Raum.“

Im Symbolraum steht jetzt ein Tisch, an dem ich gemeinsam mit ihr sitze. Sie ist jetzt weich und mir zugewandt. Jetzt, nachdem ich ihr zugehört und losgelassen habe, steht sie auf einmal auf, kommt auf mich zu und umarmt mich. Ich lasse dieses Lösungsbild und das damit verbundene Gefühl auf mich wirken, bevor ich meine Reise beende.

 

Zur selben Zeit, als sie die Entscheidung trifft, sich als freier Mensch von mir zu trennen, treffe auch ich auf anderer Ebene die Entscheidung, meine Freiheit zu suchen und mich aus Strukturen zu lösen, die mich einschränken. Sicherlich war auch ich in einem oder mehreren Leben Sklave oder Sklavin. Und habe seither stets um meine Freiheit gekämpft. Und um die Freiheit anderer.

So bin ich Herr und Sklave und auch der, der die Sklaverei abschafft. Ich bin Mann und Frau, Unterdrücker und Unterdrückte, Chefin, die autoritär Regeln und Strukturen vorgibt und Untergebene, die gegen diese Vorgaben aufbegehrt. Ich bin die schlagende Mutter, das geschlagene Kind und die Kinderschützerin, Vergewaltiger und Vergewaltigte, Folterknecht und Folteropfer und die, die Amnesty International seit Jahrzehnten unterstützt. Ich bin die, die um Liebe bettelt und die, die sie nicht nehmen kann. Ich bin der Liebende und die Geliebte, ich bin die Liebe selbst.

Nähe und Getrenntheit, Liebe und Schmerz, Trauer und Freude, alles ist in mir. Nichts ist mir fremd. Alle Wesen werden in mir geboren, alle Zeitalter entstehen in mir, alle Welten entwickeln sich und vergehen in mir. Ich bin der tanzende Shiva, der das Rad des Lebens bewegt und dabei selbst unbewegt bleibt. Unberührt und unbefleckt, ewig zeitlos und still.

 

Irgendwann werden wir uns wiedersehen. Ich weiß nicht, ob in diesem Leben, im nächsten oder in 1800 Jahren. Vielleicht wird es auch noch viele Leben brauchen, in denen altes Karma abgearbeitet wird und neues entsteht.

Bis wir uns eines Tages in Freiheit und Liebe begegnen können, frei von karmischen Verstrickungen. Ohne Zwang und ohne Panzer, ohne festzuhalten oder fortzulaufen, ohne zu verletzen oder verletzt zu werden. Ohne Abhängigkeit und ohne etwas zu brauchen. Dann werden wir erkennen, dass wir nicht voneinander verschieden sind. Und nie voneinander getrennt waren.

OM

Die Vielfalt des Universums entspringt dem EINEN göttlichen Klang.

MANI

Es erscheint in dem EINEN leeren Bewusstsein, das leuchtend, klar und strahlend ist wie ein Diamant.

PEME

In der Lotosblume des EINEN Herzens, die rein und schön, alles einschließt in ihrer alles umfassenden Liebe. In der alles Platz hat und sein darf.

HUNG

So war es. So ist es. So wird es immer sein.

Gebetsfahnen 750

Mehr über das Mantra und die tibetischen Gebetsfahnen erfährst du im Yoga Vertiefungskurs „Buddhistische Philosophie“.

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