Wahrer Mensch und wahrer Gott sein – die wahre Aufgabe unseres Lebens

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Ich kenne es gut. Diese Sehnsucht nach einem Ort, einem Zustand, einer Sicht, einer Erfahrung dauerhaften Friedens und Glücks, einem Bewusstsein von Einheit, wo alles okay und nichts mehr zu tun ist. Angesichts der vielen persönlichen Enttäuschungen, Verstrickungen und nie enden wollenden Herausforderungen und angesichts des Zustands dieser Welt, in dem es so viel Leid gibt und so vieles in eine falsche Richtung zu laufen scheint. Angesichts des Gefühls der Ohnmacht und Aussichtslosigkeit, dem etwas entgegenzusetzen, was mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Diese Sehnsucht hat Millionen von Menschen seit Jahrtausenden angetrieben, überall auf der Welt. Angetrieben, in die Tiefen des eigenen Bewusstseins einzutauchen, sich fallen zu lassen und die Begrenzungen des individuellen Egos aufzulösen.

Im Yoga Vertiefungskurs beschäftigen wir uns sein gut eineinhalb Jahren mit dem „Viveka chudamani – Das Kronjuwel der Unterscheidung“, einem Text von Shankara, einem alten indischen Advaita Vedanta Meister. Er schreibt darin immer wieder eindringlich, dass der Gottsucher alle Sinneseindrücke meiden soll. Die Sinne, das Denken eingeschlossen, sind es ja, die uns mit der Welt, wie wir sie erfahren, verbinden. Und durch die wir uns mit diesem einen begrenzten Körper identifizieren. Nichts Geringeres als die Beendigung allen Leidens ist das Ziel dieses Weges. Und die Erfahrung, dass wir im Grunde unseres Wesens nichts als reines, klares Bewusstsein, bedingungslose Liebe und unbeschreibliche Glückseligkeit sind.

Die meisten Menschen sind so sehr in der Welt verhaftet, dass sie gar nicht dazu kommen, sich einmal hinzusetzen und ihren Geist zur Ruhe zu bringen. Sie stellen sich auch gar nicht die Frage, wer sie eigentlich wirklich sind, was an ihnen unveränderlich bleibt und auch immer schon da war. Für sie ist es ein wichtiger erster Schritt, überhaupt erst einmal inne zu halten und zu erkennen, dass es außer den sich ständig wandelnden Dingen, Ereignissen, Gedanken, Gefühlen und Zuständen noch etwas anderes gibt, das davon nicht berührt wird. Das, was allen Erfahrungen zugrunde liegt.

Ich kenne aber auch viele Menschen, die bereits einen Geschmack davon haben. Und die diese Sehnsucht haben, „das Selbst“ – wie Shankara es nennt oder „das Reich Gottes“ in den Worten Jesu zu verwirklichen. Und da tut sich dann eine andere Falle auf: Die Ablehnung des Weltlichen, des Persönlichen, die Geringschätzung sinnlicher Erfahrungen. Und manchmal auch die Meinung, es gäbe nichts mehr zu tun, es sei ohnehin alles okay, so wie es ist.

Damit fällt man dann auf der anderen Seite runter, in eine neue Dualität, der Dualität zwischen Weltlichem und Göttlichen, zwischen Selbst und Nicht-Selbst. Das eine wird angestrebt, das andere abgelehnt. Was dabei übersehen wird, ist die Tatsache, dass Gott und Welt voneinander nicht verschieden sind. Shiva und Shakti sind zwei Seiten einer Medaille, das Nicht-Selbst kann ohne das Selbst gar nicht existieren. Es ist nicht ein Entweder-Oder, nicht einmal ein Sowohl-Als auch, denn das würde voraussetzen, dass es sich dabei um verschiedene Dinge handelt.

Natürlich müssen wir – wie es Shankara in seinem großartigen Werk ausgiebig tut, zunächst einmal diese  Unterscheidung treffen, aber nur, um dann zu erkennen, dass das Selbst nicht ein Zustand ist, in den wir uns flüchten können, wenn uns das Wechselbad zwischen Freud und Leid auf dieser Welt zu viel wird und wir uns nach beständigem Frieden sehnen, dass das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, nicht ein Ort ist, an dem wir irgendwann, vielleicht nach dem physischen Tod, kommen, wenn wir unsere Aufgabe brav erfüllt haben, sondern es ist genau hier, genau jetzt, unabhängig davon, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Die Verwirklichung des Selbst, auch Erleuchtung, Erwachen, Erlösung oder Befreiung genannt – das Ziel jedes ernsthaften spirituellen Weges – bedeutet keine Flucht vor der Welt. Sie bedeutet nicht, dass wir keine Schicksalsschläge mehr erleiden oder uns diese nichts mehr ausmachen, weil wir irgendwie in höhere Sphären abgehoben sind. Sie bedeutet auch nicht, dass wir nichts Sinnliches mehr genießen könnten oder keine Verpflichtungen mehr hätten. Sie bedeutet nicht, dass wir keine Trauer und keinen Schmerz mehr empfinden oder alles gut und richtig finden müssen, was auf der Welt passiert. Denn alle Erfahrungen, die wir machen, finden in DEM statt, was Shankara das Selbst nennt, sind völlig ungetrennt davon. So können wir uns in jeder Erfahrung, egal ob sie freud- oder schmerzvoll ist, immer und jederzeit dessen bewusst sein, wer bzw. was wir sind. Wir können sogar beobachten, wie sich das Ego aufbaut und zusammenzieht, wie es eng und starr wird und GLEICHZEITIG in der Weite des unendlichen Bewusstseins verweilen und uns bewusst sein, dass wir genau DAS sind. Meiner Erfahrung nach ist das kein Widerspruch. Es ist keine getrennte Erfahrung. Es ist beides in einem. Das Menschliche an uns verschwindet nicht, solange wir in dieser Welt verkörpert sind. Es ist nicht weniger real und auch nicht weniger wertvoll. Und es hindert uns nicht daran, gleichzeitig vollkommen leer, grenzenlos, licht, freudig, liebevoll, glücklich und in Frieden zu sein. Einfach zu sein.

Je mehr wir im Hier und Jetzt sind, desto tiefer und intensiver werden unsere Erfahrungen, weil wir nicht von unseren Gedanken abgelenkt werden. Und die meisten erwachten Menschen sind hoch aktiv und bewegen vieles, weil sie nicht von ihrem Ego getrieben sind. Soziales und politisches Engagement großartiger Persönlichkeiten ist oft gegründet auf dem Boden spiritueller Erkenntnis. Und es waren immer genau diese Menschen, die mich fasziniert haben, für die beides untrennbar miteinander verbunden war.

Ein wesentliches Merkmal dieses Handelns, das aus der Tiefe kommt, ist, dass es frei ist von persönlichen Begehrlichkeiten. Es geht nicht um irgendwelche Ämter und Posten oder um persönliche Würden und Ehren, auch nicht um Geld oder Macht, obwohl das manchmal notwendig sein kann, um etwas zu bewirken. Es geht um die Vision einer besseren Welt, aus dem Bewusstsein heraus, dass wir alle miteinander verbunden sind. Dass es mir nur gut gehen kann, wenn es allen gut geht. Dass die Evolution nach immer größerer Vervollkommnung drängt und es unsere Aufgabe ist, diese voranzutreiben, denn wir sind Teil von ihr. Und jeder von uns hat darin seine ganz individuelle Aufgabe. Dies ist das Spiel von Gott und Schöpfung, von Einheit und Vielheit, von Selbst und Individualität. Der Tanz von Shiva und Shakti. Das ewige göttliche Spiel, das nie zu Ende kommen wird.

Ein Gedanke zu “Wahrer Mensch und wahrer Gott sein – die wahre Aufgabe unseres Lebens”

  1. Danke für diesen schönen Beitrag! Indem was er aussagt fühle mich zu Haus und völlig EINS damit. Kann es gar nicht beschreiben wie es mich berührt. In Liebe und Gottes Segen! Angelika

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