Shraddha – Gewissheit aus Erfahrung

Paragleiter 750

Ein ganz wichtiger Begriff, sowohl im Yoga als auch in allen anderen spirituellen Traditionen und Religionen ist das, was die Inder „Shraddha“ nennen. Shraddha entspricht in etwa dem lateinischen „fides“, was meistens mit „Glaube, Vertrauen“ übersetzt wird.

Der Begriff „Glaube“ ist jedoch missverständlich. Versteht man darunter doch gemeinhin, etwas für wahr zu halten, was man nicht weiß und auch nicht überprüfen kann. Doch das wäre eine ziemlich schwache Basis, um darauf etwas aufzubauen. Könnte es doch genauso gut sein, dass wir uns irren und es doch nicht wahr ist. Ein so verstandener Glaube wäre wenig wert.

Den Begriff „Vertrauen“ finde ich zwar schon um einiges besser. Vertrauen bauchen wir in vielerlei Hinsicht. Auch im Zwischenmenschlichen ist es wichtig, Menschen zu haben, denen wir vertrauen können. Sonst wäre das Leben ziemlich anstrengend und wohl auch weit weniger schön. Trotzdem kann es passieren, dass Vertrauen auch missbraucht wird und dann die große Enttäuschung folgt. Und meist vertrauen wir ja auch nicht gleich jedem, sondern vor allem Menschen, die wir gut kennen oder die zumindest Merkmale haben, die wir als vertrauenswürdig einschätzen. Wie viel wir anderen vertrauen, hängt meistens davon ab, welche Erfahrungen wir damit schon gemacht haben. Allzu viel Vertrauensseligkeit kann ja auch böse enden. Wir können ausgenutzt, betrogen, bestohlen oder übers Ohr gehauen werden. Zu unterscheiden, wem wir in welcher Hinsicht vertrauen können und wem nicht, ist daher auch eine Frage der Menschenkenntnis.

Nun bezieht sich Shraddha aber nicht auf unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen, sondern auf das Leben, die Existenz, das Göttliche oder wie wir das Allumfassende nennen wollen, schlechthin. Und im „Viveka Chudamani“ (Das Kronjuwel der Unterscheidung) von Sri Shankara, einer der wichtigsten Yogaschriften, die wir seit geraumer Zeit im Yoga Vertiefungskurs besprechen, wird Shraddha mit „Gewissheit durch Erfahrung“ übersetzt. Das finde ich eine großartige Übersetzung, in der dieser Begriff eine völlig andere Bedeutung erfährt! Sie beinhaltet nichts mehr von dem vagen „kann sein, kann nicht sein“. Gewissheit, noch dazu eine Gewissheit, die aus Erfahrung gewonnen wurde, ist geradezu das Gegenteil von einem Glauben, ohne zu wissen. Sie ist tatsächlich ein Fundament, auf das wir bauen können.

Aber welche Erfahrungen lassen uns zu dieser Gewissheit gelangen? Zum Beispiel die Erfahrung, dass alles, was uns in unserem Leben widerfährt, irgendwie einen Sinn hat. Dass oft gerade das, was schwer und unangenehm ist, eine Wende darstellen kann, wenn wir sie dazu nutzen, eine Motivation, etwas Neues anzugehen, eine Veränderung vorzunehmen, die wir sonst nie gewagt hätten, ein Motor uns weiterzuentwickeln, zu wachsen und zu reifen. Selbstverständlich setzt das voraus, dass wir auch bereit sind, die Widrigkeiten des Lebens als Herausforderungen zu begreifen, oder, wie Atisha, ein tibetischer Meister es nennt: Widrige Umstände in den Bodhipfad (Weg zur Erleuchtung) zu verwandeln. Und es setzt wohl auch voraus, dass wir einen Zugang zu unserer inneren Quelle haben, dass wir immer wieder innehalten und unseren Geist ruhen lassen in dem, was größer ist als unser individuelles Ich.

Und natürlich ist auch das Shraddha: Das Wissen um diese Quelle und darum, dass wir jederzeit Zugang zu ihr haben können, wenn wir uns dafür öffnen und uns leer machen von allen Gedanken, die uns ununterbrochen beschäftigen. Das nennt man dann auch Meditation. Wenn wir sie regelmäßig praktizieren, dann wächst Shraddha, die Gewissheit aus Erfahrung, dass wir als Individuen von etwas viel Größerem getragen sind. Ein winziger Puzzlestein im Kaleidoskop des Lebens, in dem sich alles auf wunderbare Weise zusammenfügt, und in letzter Konsequenz: Dass wir gleichzeitig von diesem Großen nicht verschieden sind.

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