Wir werden immer älter und die Zeitspanne, die wir nicht vorrangig damit beschäftigt sind, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, wird dadurch immer länger. Aber was ist die eigentliche Aufgabe dieser Lebensphase?
In Indien spricht man von den vier Lebensphasen.
Die 1. Lebensphase: Wachsen und Lernen
Die erste Lebensphase ist die Zeit des Heranwachsens und Lernens. Sie beginnt mit der Geburt, umfasst die Kindheit und Jugend, Schulzeit, Studium bzw. Lehr- und Ausbildungszeit. Es ist eine Zeit, wo wir noch sehr von den Eltern und der Gesellschaft abhängig sind, aber noch wenig einbringen. Wir bereiten uns erst auf unsere Aufgabe in der Gesellschaft vor und lernen das, was wir dazu brauchen. Diese Phase endet mit dem Einstieg in den Beruf oder mit der Familiengründung. Natürlich kann der Übergang auch fließend sein. Sie dauert heutzutage üblicherweise 20 – 30 Jahre.
Die 2. Lebensphase: Verantwortung in Familie und Gesellschaft
In der zweiten Lebensphase übernehmen wir Verantwortung für die Gesellschaft. Wir üben einen Beruf aus, machen Karriere, bauen oder renovieren ein Haus und ziehen Kinder groß. Wenn dieser Übergang nicht gut gelingt, z.B. wenn jemand die Ausbildung abbricht oder keine Arbeit findet, kann es zu einer Adoleszenzkrise kommen.
Der Übergang von der zweiten zur dritten Lebensphase ist oft noch fließender und für viele Menschen noch schwieriger. Die zweite Lebensphase endet, wenn die weltlichen Lebensziele erreicht sind, also mit dem Auszug der Kinder oder dem Höhepunkt der Karriere.
Midlifecrisis – der zweite Übergang
Der Übergang von der zweiten zur dritten Lebensphase äußert sich häufig in einer schweren Lebenskrise in den Vierziger- oder Fünfzigerjahren, der sogenannten Midlifecrisis. Sie kann sich z.B. in Schwierigkeiten in Beruf oder Partnerschaft oder auch in einer schweren Krankheit äußern. Fragen wie „War es das jetzt?“ „Gibt es nicht noch mehr im Leben?“ können auftreten.
Jetzt ist es an der Zeit, tiefer zu gehen und dem Leben mehr Sinn und Bedeutung zu geben als nur Spaß zu haben und den biologischen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.
Die 3. Lebensphase: Wendung nach innen
Spätestens jetzt müssen wir die Frage beantworten, was unsere wahre Lebensaufgabe ist, was das Leben durch uns in die Welt bringen will. Während wir bisher vorwiegend im Außen gelebt haben und mit äußeren Verpflichtungen beschäftigt waren, geht es jetzt darum, mehr nach innen zu schauen und unser Leben in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Spätestens jetzt sind wir aufgefordert, der Spiritualität einen größeren Raum in unserem Leben zu geben.
Wenn der Übergang von der zweiten in die dritte Lebensphase gut bewältigt wird, kann dies die beste Zeit unseres Lebens sein. Das Leben ist erfüllender und weniger von Verpflichtungen geprägt.
Diese Lebensphase dauert so lange, bis wir endgültig alle weltlichen Aufgaben abgegeben haben. Wir gehen in Pension. Das Bedürfnis zu reisen geht zurück. Das ehrenamtliche Engagement oder die Notwendigkeit, bei der Betreuung der Eltern oder der Enkelkinder mitzuhelfen, geht zu Ende.
Der Übergang zur 4. Lebensphase: Loslassen und frei sein
Auch der Übergang von der dritten zur vierten Lebensphase kann, wie alle Übergänge, krisenbehaftet sein. Ich denke, es ist jener Übergang, dessen Bedeutung in unserer Kultur am allerwenigsten verstanden wird. Und gerade hier können wir von der indischen Tradition einiges lernen.
In der dritten Lebensphase hat idealerweise der Weg nach innen bereits begonnen. Wenn das passiert ist, haben wir jetzt die Zeit, uns ganz diesem Weg zu widmen. Wir sind jetzt frei. Frei von allen Verpflichtungen. Und das äußere Leben wird auch immer weniger interessant. Wir haben unser Leben gelebt. Aber es ist noch nicht zu Ende.
Die 4. Lebensphase: Alt und abgeschoben …
Der Beginn der vierten Lebensphase ist der Beginn des Alters, etwa gegen Ende des achten Lebensjahrzehnts oder auch schon früher. Manchmal fühlen sich Menschen in diesem Alter am Abstellgleis. Sie werden nicht mehr gebraucht, empfinden sich oft sogar als Belastung. Oder erhalten diese gesellschaftliche Zuschreibung, weil diese Lebensphase hauptsächlich mit Pflege und Betreuung in Verbindung gebracht wird.
Doch das ist nicht in allen Kulturen so. Denn wenn die ersten drei Lebens- und Entwicklungsphasen gut bewältigt wurden, können Menschen in diesem Lebensalter sehr wohl ein Gewinn für die Gesellschaft sein.
… oder weise und erleuchtet?
Die Herausforderung der vierten Lebensphase ist die Entwicklung von Weisheit. Weisheit ist eine Weltsicht, die weit über das gewöhnliche Denken hinausgeht und auch über das Wissen, das in Schulen, Universitäten oder postuniversitären Fortbildungen gelehrt wird. Weisheit entspringt eigener, tiefinnerlichster Erkenntnis. Der Weise definiert sich nicht mehr über Haben oder Tun, sondern über Sein. Zu erkennen, wer wir wirklich sind, wo wir herkommen und wohin wir gehen, sind die grundlegenden Fragen, die in dieser Lebensphase beantwortet werden sollen. Und diese Antworten finden wir nur in der Meditation, indem wir uns nach innen wenden.
Wenn die Sinne nachlassen …
In der vierten Lebensphase geht es um Transzendenz. Die Funktionsweise der Sinne lässt nach. Im Alter sehen und hören wir oft schlechter. Auch der Geschmackssinn lässt nach und wir sind nicht mehr so mobil wie früher. Normalerweise sehen wir nur die Probleme, die damit verbunden sind. Die wahre Bedeutung ist aber, dass es jetzt an der Zeit ist, den Blick nach innen zu wenden, nach innen zu lauschen, den Geschmack der Stille zu schmecken, der manchmal als „der EINE Geschmack“ bezeichnet wird.
Wenn die Funktionen des Körpers nachlassen, ist dies eine Aufforderung, zu erkennen, dass wir nicht dieser Körper sind, sondern Geist, Bewusstsein, reines Sein, göttliche Freude, bedingungslose Liebe.
Mit Yoga gut durch alle Lebensphasen
Natürlich können wir das auch schon früher, wenn unsere Lebensumstände dies zulassen. Aber im letzten Abschnitt unseres Lebens wird es existentiell, wenn wir die vierte und letzte Lebensphase mit Sinn und Freude erfüllen wollen.
Je früher wir mit einer Yogapraxis beginnen, desto eher werden wir gut durch alle Lebensphasen kommen. Einerseits kann Yoga viel dazu beitragen, bis ins hohe Alter gesund zu bleiben, so dass wir die jeweils anstehenden Herausforderungen meistern können, anstatt mit zunehmendem Alter hauptsächlich an Krankheiten zu leiden.
Andererseits kann uns die Weisheit des Yoga helfen, den Sinn unseres Lebens zu finden und uns weiterzuentwickeln, indem wir unseren Geist schulen und erforschen. Erfahrene Yogis und Yoginis können die Anforderungen des Alters und des nahenden Todes leichter und gelassener bewältigen und die existentiellen Fragen, die damit verbunden sind, besser beantworten als Menschen, die den spirituellen Weg nicht schon frühzeitig genug für sich entdeckt haben.
