Die Welt brennt – und was bleibt?

Halb Südeuropa steht in Flammen. Wieder einmal. In den letzten Jahren sind großflächige Waldbrände schon zur Normalität geworden. Mal in Australien, in den USA und immer öfter in Süd – und Westeuropa.

Das Haus – vom Feuer umzingelt

Heuer geht es mir besonders unter die Haut. Die ganze Familie denkt seit Tagen an meinen Bruder und seine Frau und bangt mit ihnen um ihr Haus. Mein Bruder lebt seit über 30 Jahren in Spanien und ist dort mit einer Spanierin verheiratet. Vor ca. 5 Jahren haben sie sich ein Haus gekauft, umgebaut und renoviert. Mit dem Geld, das sie über Jahrzehnte hart erarbeitet haben. Mit viel Mühe und Herzblut. Ein schönes Haus mitten in einem Pinienwald auf 1000m Höhe. Denn in Madrid sind die aufgrund des Klimawandels immer höher werdenden sommerlichen Temperaturen kaum mehr auszuhalten. In dem Haus ist es deutlich kühler und angenehmer.

Seit Tagen können sie dort nicht mehr hin. Die Gegend, in der das Haus steht, ist von schweren Waldbränden umzingelt. Noch steht es, aber das Feuer ist auf mehreren Seiten nur noch wenige Kilometer weit weg. Für zahlreiche andere Menschen ist es bereits verloren.

Wenn das Herz an vergänglichen Dingen hängt

Ich weiß, was es heißt, ein Haus zu bauen und sich so einen Traum zu erfüllen. Habe ich doch selbst vor 11 Jahren den Zubau mit dem Yogaraum geschaffen. Ich habe tiefes Mitgefühl mit all den Menschen, die gerade ihr ganzes Hab und Gut verloren haben oder noch darum bangen.

Und zugleich wird mir wieder einmal bewusst, wie vergänglich das Leben ist mit all seinen materiellen Gütern und Errungenschaften. Nichts bleibt. Wir bauen auf und es wird wieder zerstört oder verfällt.

Seit Tagen habe ich diesen Satz aus der Bergpredigt im Ohr: „Ihr sollt nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein. (Mt. 6, 19-21)

Zu den ersten beiden Sätzen könnte man auch hinzufügen: „Wo das Feuer sie hinwegrafft.“

Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen bewusst wird, dass das, was wir uns in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben, nicht von Dauer ist. Seien es materieller Wohlstand, soziale Absicherung oder demokratische Rechte. Und deshalb macht sich viel Angst und Unsicherheit breit, die allerdings leider oft nicht zu den richtigen Schlüssen führen.

Wo ist der „Himmel“?

Den zweiten Satz aus dem biblischen Zitat verstehen die meisten nicht. Der „Himmel“ klingt für viele abstrakt und abgehoben, weil sie keine Ahnung haben, was das sein soll. Und wo. Denn natürlich ist es nicht das Firmament über uns. Dabei gibt uns Jesus, von dem diese Worte überliefert sind, eine durchaus klare Anweisung: „Das Reich Gottes (ein Synonym für „Himmel“ oder „Himmelreich“) ist inwendig in euch.“ (Lk. 17, 21) Was bedeutet das? Inwendig? Wir müssen uns nach innen wenden, um es zu finden.

Die meisten Menschen haben keinerlei Erfahrung damit. Deshalb verstehen sie diesen Satz nicht. Wer die ganze Zeit über mit den Dingen beschäftigt ist, die mit unseren 5 Sinnen wahrnehmbar sind, versteht nicht, was es heißt, sich nach innen zu wenden. Die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was unsere Sinne nicht wahrnehmen können.

Und das ist keinesfalls weit weg, gar nicht abgehoben. Es ist so nah wie nichts anderes. Es ist das Ge-wahr-werden des Gewahrseins. In diesem schönen Begriff steckt das Wort „wahr“. Im Sanskrit heißt es „Sat“. Sat bedeutet Wahrheit oder Sein. Wahr ist das, was ist. Logisch, nicht? Auch im deutschen Wort „Gewahrsein“ stecken beide Begriffe.

„Wenn Geist Geist betrachtet, verschwinden alle Phänomene und Erleuchtung tritt ein“, sagt der buddhistische Meister Tilopa.

Handeln in der Welt …

Heißt das, dass alle Herausforderungen, vor denen wir in unserem Leben und als Menschheit insgesamt stehen, verschwinden, wenn wir erleuchtet sind? Gibt es deshalb keine Feuer mehr, keine Überschwemmungen, keine Kriege und Hungersnöte? Doch, natürlich gibt es das alles immer noch. Ein Zustand, in dem wir das alles nicht mehr wahrnehmen, sondern nur noch in Glückseligkeit schwimmen, kann immer nur vorübergehend sein.

Und wir sind auch gefordert, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um das alles zu verhindern und das Leid, das dadurch entsteht, zu mildern. Zum Beispiel, indem wir uns für den Klimaschutz einsetzen und mit Menschen, die eine andere Meinung haben, ins Gespräch kommen und ihnen zuhören, anstatt Hass zu verbreiten und andere abzuurteilen.

… aber die drei psychischen Knoten lösen

Aber der Weg zur Freiheit und zu dem Glück, das uns niemand nehmen kann, ist ein geistiger Weg. In der Yogaphilosophie spricht man von den drei Granthis. Das sind psychische Knoten, die auch in unserem Körper lokalisiert sind. Und diese Knoten müssen gelöst werden.

Der erste Knoten sitzt im Bauchbereich. Es ist die Anhaftung an materielle Dinge, z.B. an ein Haus, an Geld und Besitz.

Wenn wir daran hängen und unser Glück darin suchen, werden wir immer leiden. Entweder leiden wir daran, dass wir es (noch) nicht haben oder wir leiden an der Angst, es wieder zu verlieren. Und wenn wir es verloren haben, sind wir erst recht verzweifelt.

Auch Beziehungen sind nicht von Dauer

In solchen Situationen werden dann Beziehungen besonders wichtig. Sonst natürlich auch, aber dann erst recht. Freunde und Familie werden besonders wertvoll und wir denken, dass wir in diesen Beziehungen das wahre Glück finden können.

Doch auch das ist ein Trugschluss. Die Anhaftung an Beziehungen ist das zweite Granthi. Es liegt im Brustbereich. Auch Beziehungen sind nicht verlässlich. Wie schnell ist eine Verliebtheit wieder vorbei! Wie viele Familien und Freundschaften sind nicht gerade in den letzten Jahren in Brüche gegangen, oft an einer so nebensächlichen Frage wie der, ob sich jemand impfen lässt. Und natürlich können auch geliebte Menschen sterben.

Darum ist es mit Beziehungen nicht anders als mit materiellen Dingen. Wir leiden darunter, wenn sie nicht funktionieren, wenn wir zu wenige davon haben. Wir leiden, wenn wir Angst haben, Menschen zu verlieren. Sei es, dass sie uns verlassen. Sei es, dass ihnen etwas passiert. Und wenn das tatsächlich eintritt, sind wir erst recht verzweifelt.

Geistige Konzepte – der 3. Knoten

Wenn wir erfahren haben, dass weder materielle Dinge noch Beziehungen beständig sind, versuchen wir oft, uns an geistigen Konzepten festzuhalten. Seien es nun politische oder weltanschauliche Konzepte, wissenschaftliche oder religiöse Glaubenssysteme. Vorstellungen und Richtlinien, was gut und schlecht ist, was richtig und falsch. Was wirklich ist und was unwirklich, wer wir sind und wie die Welt beschaffen ist. Jeder von uns trägt solche Konzepte mit sich herum. Und auch die können ins Wanken geraten.

Gerade in den letzten Jahren habe ich immer wieder von Menschen gehört, dass sie das Gefühl hatten, plötzlich von denen angegriffen zu werden, mit denen sie sich bisher weltanschaulich verbunden gefühlt haben. Und auch ich habe das schon erlebt.

Doch das ist noch relativ oberflächlich. Es kann noch viel tiefer gehen. Auch unsere Vorstellung von Ich und Nicht-Ich, von innen und außen, von Leben und Tod, von der Verschiedenheit jeglicher Polaritäten hält einer genaueren Überprüfung nicht stand und kann plötzlich kippen.

Und dann? Wenn wir diese geistigen Vorstellungen loslassen, löst sich das dritte Granthi. Es sitzt im Kopfbereich und ist das Anhaften an geistige Konzepte.

Das Lösen von Anhaftungen macht uns frei

In der Lehre des Yoga heißt es, alle drei Granthis müssen gelöst werden, damit wir wahrhaft frei sind. Denn das Leiden entsteht nicht in erster Linie dadurch, dass wir etwas oder jemanden verlieren, sondern dadurch, dass wir an etwas festhalten, was keinen Bestand hat. Weil wir Beständigkeit dort erwarten, wo sie nicht zu finden ist.

Die große Herausforderung besteht darin, das zu erkennen und diese Anhaftungen loszulassen.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht mehr genießen können, was wir gerade haben. Im Gegenteil, wir können viel mehr genießen, was gerade da ist, wenn uns nicht die Sorge quält, dass wir es wieder verlieren könnten. Wir wissen, dass es nicht beständig da sein wird, aber jetzt ist es da und wir können uns daran erfreuen. Und wenn wir es nicht mehr haben, ist es auch okay. Kein Problem.

Yoga ist stetiges Üben in Gleichmut

Das nennt man Gleichmut, im Sanskrit Vairaya. Eine der wichtigsten yogischen Tugenden. Sich in ihr zu üben ist wahrer Yoga.

Und dann kommt dazu, dass wir erkennen müssen, was in all dem, was nicht beständig und verlässlich ist, was kommt und geht und sich ständig verändert, bleibt.

Was ist beständig im Unbeständigen?

Und ja, es gibt etwas. Und es ist nicht mit unseren Sinnen wahrnehmbar. Deshalb ist es so schwierig, es zu erkennen, weil wir gewohnt sind, nur die Welt wahrzunehmen, die wir mit unseren Sinnen erfahren können. Und es ist auch nichts Abstraktes oder weit Abgehobenes, woran wir glauben müssen, weil es uns nicht zugänglich wäre.

Es ist einfach das, was wir selbst sind, wenn wir alles das, was an uns vergänglich ist, beiseitelassen. Körper, Gedanken, Gefühle, soziale Rollen, Normen und Werte verändern sich im Laufe des Lebens. Und trotzdem erfahren wir uns als ein Kontinuum. Und das ist auch richtig so. Aber was ist das, was unser ganzes Leben hindurch gleichbleibt? Und auch darüber hinaus. Erforsche es! Das herauszufinden, selbst herauszufinden, nicht nur nachzuplappern, ist Yoga!

Der wahre Schatz ist inwendig in uns

Es ist das Gewahrsein, das Bewusstsein, der klare Geist, in dem alle Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken auftauchen und wieder verschwinden. Dieses nackte Gewahrsein, das immer klar, freudig, intelligent, voller Liebe und in vollkommenem Frieden ist, das nie zerstört oder verletzt werden kann, das nie stirbt und nie geboren wurde, ist immer da. Und das sind wir alle. Wir können es nicht verlieren. Und wir können uns immer wieder in dieses reine Gewahrsein setzen, wenn wir uns nach innen wenden. Denn das Reich Gottes, das wir suchen sollen, ist inwendig in uns. Und wenn wir diesen Schatz gefunden haben, können wir viel gleichmütiger alle vergänglichen Dinge kommen und gehen lassen. Je öfter wir diesen Weg nach innen gehen, desto zugänglicher ist er, wenn wir ihn in schwierigen Situationen brauchen.

Viele Menschen glauben, im Yoga gehe es in erster Linie um körperliche Beweglichkeit oder Fitness. Oder um Entspannung. Aber das ist nur der Anfang. Yoga geht viel tiefer. Yoga ist Meditation und Erkenntnis. Und ein stetiges Üben, das unser ganzes Leben erfasst.

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