Mein spiritueller Weg

Jesus und Ramana bearbeitet 750

Jesus – die erste große Liebe

Ich wurde 1966 in Graz als erstes von zwei Kindern in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren und evangelisch getauft. In meinem an Leistung und materiellen Werten orientierten Elternhaus spielte Religion jedoch keine nennenswerte Rolle. Meine christliche Sozialisation fand daher im Wesentlichen über den Religionsunterricht in der Schule statt. Schon früh zog mich alles an, was mit Religion zu tun hatte, ich war fasziniert vom Leben und Lehren Jesu und beschäftigte mich schon als Kind eingehend mit spirituellen Fragen.

Nach der Konfirmation kam ich zur evangelischen Jugend, zwei Jahre später in eine katholische Jugendgruppe, wo ich auch einige Jahre lang intensiv am Leben der katholischen Gemeinde teilnahm, viel Zeit mit Singen und Beten verbrachte und erstmals mit christlicher Mystik in Berührung kam. Dass ich einen spirituellen Weg gehen will, war mir damals bereits klar. Ich spürte jedoch, dass ich zunächst in diese Welt hineingehen musste, bevor ich sie transzendieren konnte. Es hätte mich gereizt, mich ganz aus ihr zurückzuziehen, denn ich fühlte mich wie ein Alien, das versehentlich auf dem falschen Planeten gelandet war. Ich hatte völlig andere Werte und Interessen als die meisten meiner Altersgenossen. Doch das wäre zu diesem Zeitpunkt eine Flucht vor den Herausforderungen des Lebens gewesen. Zuerst musste ich mich erden. So studierte ich Sozialarbeit, um mich – inspiriert vom Vorbild Jesu – den Menschen zuwenden zu können, die am Rande der Gesellschaft stehen und es am nötigsten brauchen.

Einheit in der Vielfalt

Mit Anfang Zwanzig fiel ich schließlich aus der kirchlichen Gemeinschaft heraus. Meine Freunde aus der Jugendgruppe zerstreuten sich. Mit der Form christlicher Gottesdienste konnte ich immer weniger anfangen. Viele Liedertexte konnte ich nicht mehr singen und ich konnte auch nicht mehr beten wie früher. Die erste große religiöse Begeisterung ebbte ab. Eine lange Zeit der Trockenheit und des Alleinseins in der Wüste begann.

In dieser Zeit, 1987/88, begann ich mit Vipassana. Diese nüchterne Form der Achtsamkeitsmeditation konnte ich praktizieren. Und so saß ich zwei Jahre lang jeden Tag, jedoch allein, ohne Meister und ohne Eingebundensein in eine Gruppe oder Gemeinschaft. 1988 begann ich auch, mich mit Astrologie zu beschäftigen.

Auf meiner ersten Indienreise 1989/90 lernte ich in Madras Yogiraj Vethathiri Maharishi kennen und ließ mich von ihm in die von ihm entwickelte Methode des Simplified Kundalini Yoga einweihen, die ich dann ein Jahr lang regelmäßig praktizierte, bis ich schwanger wurde. Nach Meinung des Yogis sollten schwangere Frauen diese Form der Meditation nicht praktizieren, daher hörte ich auf.

1991 heiratete ich Andreas Schulz und brachte meine Tochter Judith zur Welt. 1993 folgte mein Sohn Samuel. Die Gründung einer eigenen Familie war nach dem Eintritt ins Berufsleben der zweite große Schritt, um mich zu erden und an diese Welt zu binden. Die Neunzigerjahre waren vorrangig der Familie und der Kindererziehung gewidmet. Meine spirituelle Praxis rückte in den Hintergrund, da ich kaum Zeit dafür fand und auch keinen Raum hatte, in dem ich längere Zeit ungestört sein konnte. Die Sehnsucht blieb jedoch immer. Und auch die Ausrichtung. Ab 1994 intensivierte ich meine Beschäftigung mit psychologischer Astrologie. Ich lernte kosmische Ordnungen und Zusammenhänge in ihrer Tiefe zu verstehen und archetypische Kräfte und Strukturen hinter den Phänomenen zu erkennen und zu spüren. In dieser Zeit wuchs auch mein Interesse am Buddhismus, wobei es mir vorerst jedoch noch nicht gelang, tiefer in die Mysterien buddhistischer Lehren einzudringen.

Nach dem Ende meiner Karenzzeit trat ich 1996 wieder ins Berufsleben ein und machte von 1998 – 2000 eine Zusatzausbildung als Mediatorin. Ich gewann dadurch ein erweitertes und vertieftes Verständnis von Konflikten, das sich in meinem weiteren Leben als sehr hilfreich erwies. Immer mehr konnte ich die universale Gemeinsamkeit und Einheit, dieselben Muster und Strukturen hinter der Vielfalt der Erscheinungen sehen. Das „Persönliche“ und Trennende wurde immer weniger. Ich war kein Alien mehr, nicht mehr fremd auf dieser Welt, sondern mit allem zutiefst verbunden und durch alles gespiegelt. Die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Innen und Außen, begann sich aufzulösen.

Wichtige Weichenstellungen

Durch den Umbau unseres Hauses im Jahr 2000 schaffte ich mir endlich wieder ein eigenes Zimmer, in dem ich mir einen Meditationsraum einrichten konnte. Von da an nahm ich die tägliche Meditationspraxis wieder auf. Meinen Platz in einer für mich passenden spirituellen Gemeinschaft hatte ich aber immer noch nicht gefunden. Ich las viel spirituelle Literatur und nahm dreimal (2001, 2003, 2006) an kontemplativen Exerzitien im Kapuzinerkloster Irdning teil, wo ich in die Praxis des Herzensgebetes eingeführt wurde, das ich dann auch zu Hause praktizierte. Mein spirituelles Erfahren wurde wieder tiefer und lebendiger. Immer öfter und länger erlebte ich Zustände von Freude und Entzücken, Liebe und Glück, begleitet von einem leichten, heiteren Humor. Und ich war von einem tiefen inneren Frieden getragen. Ich war mir aber nicht sicher, ob das nicht wieder eine Täuschung war, bloß vorübergehende Zustände oder Gefühle, die wieder vergingen, so wie ich sie schon in meiner Jugend erlebt hatte. Ich wollte nicht an vergänglichen Gefühlen festhalten. Ich wollte das, was bleibt.

Als ich zu Ostern 2006 zum dritten Mal an den Exerzitien teilnahm, fasste ich den Entschluss, mich von da an vorrangig auf meinen spirituellen Weg zu konzentrieren. Anders als mit 18 war ich mit 40 Jahren nun genug geerdet. Meine Kinder würden in absehbarer Zeit flügge werden. Ich wollte das Romanprojekt „Facetten der Liebe“, an dem ich seit Jahren arbeitete, zu Ende bringen und mir dann keine weiteren weltlichen Aufgaben mehr aufhalsen, sondern so viel Zeit wie möglich meiner spirituellen Praxis widmen. Ich wollte das Eins-Sein mit dem Göttlichen erfahren. Nichts anderes schien mir erstrebenswerter.

Mit diesem Entschluss wurde ich nun auch offen und bereit, mich von einer erfahrenen Meisterin führen und begleiten zu lassen. Noch im selben Jahr begegnete ich der deutschen Mystikerin und spirituellen Lehrerin Pyar. Ich wurde ihre Schülerin und erhielt von ihr den Namen „Dechen“. Dieser tibetische Name bedeutet die wahre Glückseligkeit, die beständig, unbedingt und grundlos ist. Der Name ist mir Leitschnur, Erinnerung und Auftrag.

In den darauffolgenden Jahren intensivierte und verlängerte ich schrittweise die Zeiten des stillen Sitzens und verbrachte einen Großteil meines Urlaubs in Retreats mit Pyar. Ihre Satsangs, in denen sie uns auf zeitgemäße und verständliche Weise die Weisheit unterschiedlicher spiritueller Traditionen nahebringt und erlebbar macht und die parallel dazu stattfindende Auseinandersetzung mit dem integralen Konzept Ken Wilbers waren für mich in vieler Hinsicht klärend und erhellend. Außerdem habe ich in Pyars Sangha nach 20 Jahren des Einzelgängertums endlich wieder eine spirituelle Gemeinschaft gefunden, in der ich mich zu Hause fühle.

Krise – Was bleibt?

Eigentlich war mein Leben jetzt perfekt und es hätte meinetwegen noch Jahrzehnte lang so weitergehen können.

Doch 2009/10 wurde ich schließlich von einer tiefgreifenden beruflichen Krise erschüttert, mit der ich nicht mehr gerechnet hatte. Diese Krise gab mir endlich Gelegenheit zu überprüfen, was von dem, was ich bereits jahrelang an Glück und Segen erfahren hatte, auch dann noch bleibt, wenn es mir schlecht geht und ich den Boden unter den Füßen verliere:

Unerschütterlich ist der tiefe innere Friede. Dieser wird von Erfahrungen, Gefühlen und Geisteszuständen, seien sie nun angenehm oder unangenehm, nicht berührt.

Und etwas, was ich am ehesten „Grundgeborgenheit“ nennen würde: Die Gewissheit, dass mir im Grunde nichts geschehen kann, was auch immer geschieht.

Freude und Glückseligkeit sind nicht immer zu spüren, aber sie brachen auch in dieser schwierigen Zeit immer wieder durch. Wie wenn dichter Nebel plötzlich aufreißt und den Blick auf den blauen Himmel frei gibt. Diese Durchbrüche erfolgen plötzlich, grundlos oder durch geringfügige Auslöser. Auch und gerade im Erkennen von Fehlern und Unvollkommenheiten. Da ist nie Verurteilung. Immer nur dasselbe helle, heitere, liebevolle Lächeln im Hintergrund.

Und der Schlüssel dazu ist einfach Innehalten und Loslassen. Denn das, was ich hier zu beschreiben versuche, ist ganz subtil, ganz fein, ganz innen. Es ist keine supertolle spirituelle Erfahrung. Es ist überhaupt keine Erfahrung. Es ist das, in das alle Erfahrungen hinein und heraus geweht werden. Es ist das, was alles umfasst und durchdringt. Der EINE Geschmack, der in allem ist.

Das, was bleibt, ist der leere, stille Raum des Gewahrseins, der Raum, in dem alles geschieht, was geschieht. Er war immer da, soweit ich mich zurückerinnere und hat sich nie verändert, nicht einmal im Schlaf. Er ist ohne Grenze und ohne Substanz, ungeboren, unverletzlich und unsterblich. Er ist voller Licht und Freude und er quillt über von allumfassender Liebe, Humor und höchster Intelligenz. Leicht, frei, durchdrungen von einer Weisheit, die, jenseits aller Worte, alle scheinbaren Gegensätze transzendiert. Hier ist alles okay, was geschieht. Dieser Raum wertet nicht. Die Erfahrungen darin sind einfach Erfahrungen, die kommen und gehen. Er braucht nichts mehr. Es fehlt nichts. Und es gibt nichts zu erreichen.

Doch die göttliche Melodie ist nicht zu hören im Lärm der Welt. Deshalb muss man dazu ganz still sein. Innehalten und lauschen. Sie ist so zart, so intim, dass sie einem leicht entgeht, wenn man nicht aufmerksam ist. Und gleichzeitig so schön und so groß, dass das ganze Universum in ihr schwingt.

Das einzige Problem ist, dass die Aufmerksamkeit nicht immer in diesem Raum ruht. Und dann verschwindet das göttliche Licht hinter dem Schleier der Gedanken. Doch Innehalten und Heimkehren ist immer möglich. Jetzt, in diesem Moment. Das Tor zu diesem Raum steht immer offen, er lädt uns immer ein, in aller Liebe, in aller Geduld, aber ohne aufdringlich zu sein. Wir brauchen nur eines:

Still sein. Einfach nur still sein.

Der Yogaraum

Inmitten der Krise stellte ich mir die Frage: „Gibt es in diesem Leben noch eine Aufgabe für mich, die noch auf Verwirklichung wartet?“ und horchte tief in mich hinein. Und immer wieder kamen in verschiedenen Varianten dieselben Bilder, dieselben Antworten: einen äußeren Rahmen, einen Raum zu schaffen, der es Menschen ermöglicht, diesen inneren Raum des Gewahrseins zu entdecken und aus diesem heraus zu sehen, zu leben, zu handeln. Und Menschen zu ermutigen, diesen Weg nach innen zu gehen. Mehr Menschen, die meditieren und achtsam mit sich selbst und anderen umgehen schien mir das zu sein, was die Welt am dringendsten braucht, um die vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.

Doch als ich diesen Ruf vernahm, fühlte ich mich völlig überfordert. Die Aufgabe schien mir viel zu groß und viel zu weit weg von dort, wo ich in meiner Entwicklung stand. Wie sollte ich das tun? Wo sollte ich anfangen? Ich hatte keine Ausbildung, keine Erfahrung im Leiten von Gruppen, keinen Raum und keine Organisation hinter mir. Und erleuchtet war ich auch noch nicht.

Doch der Druck zur Veränderung war groß. Deshalb versuchte ich ein paarmal, einen anderen Weg einzuschlagen und die innere Stimme zu ignorieren. Aber es funktionierte nicht. Ich wurde immer wieder auf das zurückgeworfen, was sich durch mich manifestieren wollte.

Zu dieser Zeit hatte ich gerade meinen ersten Yogakurs belegt und begonnen, Yoga zu praktizieren. Und nach über einem Jahr der Orientierungslosigkeit und des Hin- und Hergerissen-Werdens lichtete sich plötzlich der Nebel in meinem Geist und mir wurde mir klar: Yoga ist das Tor. Hier geht der Weg weiter.

Ich intensivierte meine Yogapraxis und machte bei Arjuna Nathschläger an der Yoga-Akademie-Austria eine Yogalehrerausbildung und danach weitere Ausbildungen. Gleichzeitig begann ich auch schon, Yoga zu unterrichten.

Nachdem ich über einige Jahre hinweg vom Retreathaus in den Bergen bis zum spirituellen Zentrum in der Stadt verschiedene Versionen meiner Vision gedanklich durchgespielt hatte, führte mich die Erfahrung, die ich beim Aufbau meiner ersten Yogakurse machte, zu der Erkenntnis, dass der beste Ort für einen Raum der Stille dort ist, wo ich bereits bin, in meinem Haus in Laßnitzhöhe. Mein Mann erklärte sich bereit, das Projekt zu unterstützen, und so entstand in einer über 2-jährigen Planungs- und Bauphase ein Hauszubau mit einem schönen Yogaraum und noch zwei weiteren Zimmern mit Bad und WC, obwohl mir das alles aus wirtschaftlicher Sicht völlig irrsinnig vorkam. Das erweiterte Haus, das im Sommer 2015 fertig wurde, soll nun ein spirituelles Zentrum sein, in dem eine Gruppe von praktizierenden Menschen in einer kleinen Wohngemeinschaft zusammenlebt und der Yogaraum gleichzeitig offen ist für alle Menschen, denen Gesundheit, Achtsamkeit, Stille, Bewegung, spirituelles Wachstum und das Wohl aller Wesen auf diesem Planeten ein Anliegen ist.

Diese Jahre des Aufbaus waren sehr herausfordernd und arbeitsintensiv, keineswegs so, wie ich mir vor 10 Jahren meine Zukunft vorgestellt hatte. Eine Reihe weltlicher Aufgaben kam auf mich zu, die mich von meinem eigentlichen Ziel abzulenken drohten. Doch Zeit für meine eigene Yoga- und Meditationspraxis nahm ich mir immer.

Der zermürbende Wechsel von Hoffnung und Enttäuschung, der mein ständiger Begleiter war, lehrte mich, mich in Vairagya, der yogischen Tugend des Gleichmuts zu üben. Das Loslassen von Wünschen und Konzepten und das Sich-frei-machen von kurzfristigem Erfolg ist oft schwierig und schmerzhaft, denn das Ego wehrt sich vehement dagegen. Und dennoch ist dieser Prozess der Reinigung und Läuterung notwendig. Mehr denn je wurde mir klar, dass spirituelle Entwicklung nicht nur in der Zurückgezogenheit der Meditation passiert – wobei diese natürlich eine wichtige Voraussetzung ist – sondern durch die konkreten Aufgaben des Alltags. Spiritualität und Leben, Gott und Welt durchdringen einander, sind nicht voneinander zu trennen, sind ein