Suchet zuerst das Reich Gottes …

Seit einiger Zeit geht mir immer wieder ein Lied durch den Kopf, das ich in meiner Jugend mit großer Begeisterung gesungen habe: „Gehet nicht auf in den Sorgen dieser Welt. Suchet zuerst Gottes Reich. Und alles andere wird euch dazu geschenkt. Halleluja, Halleluja!“ Es gehört zu jenen christlichen Liedern, die ich auch heute noch singen kann, ohne dass sich mir beim Text die Nackenhaare aufstellen. Im Gegenteil: Es ist ein Zitat aus dem Evangelium (Mt. 6,33), das mich immer wieder aufrüttelt.

Was ist das Reich Gottes?

Doch was ist das Reich Gottes, von dem Jesus da spricht, überhaupt? Darüber gibt es viele Missverständnisse. Um einen jenseitigen Himmel, in den wir nach dem Tod kommen, kann es sich nicht handeln. Sonst würde Jesus uns ja nicht auffordern, es zu suchen. Da es unvergänglich ist, überdauert es allerdings den Tod, wenn wir es bereits im Leben gefunden und verwirklicht haben.

Das Reich Gottes ist auch nicht die ideale Gesellschaftsform, wie manchmal propagiert wird. Natürlich können und sollen wir uns bemühen, die kleinen und großen Herausforderungen, vor denen wir als Individuen und als Weltgemeinschaft stehen, zu lösen. Selbstverständlich können und sollen wir alles dazu tun, damit dieser Planet für alle Wesen eine lebenswerte Heimat bietet. Dass Liebe und Gerechtigkeit herrschen und unsere Ökosysteme intakt sind.

Aber die ideale Gesellschaft, in der alle Probleme gelöst sind, werden wir nie erreichen. Wenn eine Herausforderung bewältigt ist, tritt eine neue auf. Hier kommen wir also nie zu einem Ende. Das ist der Lauf der Evolution.

Der größte Schatz liegt in uns selbst verborgen

Wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, meint er etwas anderes. Andere Meister nennen es Selbst-Verwirklichung, Gott-Verwirklichung, Erwachen oder Erleuchtung. Es ist jenseits von allem, was wir in der Welt tun und erreichen. Es ist „inwendig in euch“, wie es an anderer Stelle in der Bibel heißt. Wir finden es also, wenn wir unseren Geist, unsere Aufmerksamkeit nach innen wenden.

Aber warum fordern Jesus und auch alle anderen großen Meister uns auf, das zu tun? In Mt. 13,44-46 vergleicht Jesus das Reich Gottes mit einem Schatz, der viel wertvoller ist als alle anderen Schätze zusammen. Die Aufforderung, der Suche nach dem Reich Gottes die oberste Priorität in unserem Leben zu geben, ist also kein moralischer Imperativ, sondern der Rat eines Meisters, der in dieser Suche erfolgreich war, dabei höchstes, unvorstellbares Glück gefunden hat und aus seiner Liebe heraus anderen wünscht, dass sie dieses Glück ebenfalls finden.

Glück, das von etwas abhängig ist, ist vergänglich

Alles Glück, das wir in unserem normalen Leben haben können, ist vergänglich. Der Körper altert, kann schwach und krank werden und stirbt irgendwann. Geld und Wertpapiere können an Wert verlieren, auch Immobilien oder andere materiellen Güter. Oder sie können verloren gehen, gestohlen oder zerstört werden. Vom Gipfel des Erfolges oder der Macht kann man schnell abstürzen. Selbst Beziehungen wandeln sich, können auseinandergehen und geliebte Menschen können sterben.

Hier gibt es keine Sicherheit. Es spricht nichts dagegen, diese Dinge zu genießen und uns daran zu erfreuen, solange wir sie haben. Aber das Glücksgefühl, das damit verbunden ist, ist nur vorübergehend. Wir können und werden es wieder verlieren.

Das wahre Glück ist grundlos und ewig

Nur den Schatz, den wir in unserem Inneren haben, kann uns niemand nehmen. Er ist da, unabhängig von allen äußeren oder inneren Umständen. Er ist beständig, kann weder verloren gehen noch beschädigt werden. Er bleibt. Allerdings ist er den meisten Menschen nicht zugänglich. Sie wissen nichts von ihm. Unsere Aufgabe ist es also, den Weg zu ihm frei zu räumen und das Tor zu öffnen, damit wir ihn heben können. Das ist das, wozu Jesus uns ermutigt, wenn er uns auffordert: „Suchet zuerst das Reich Gottes!“

Der unverstandene Bibelvers

Aber wie sollen wir diese Suche angehen? Im Matthäus-Evangelium gibt es wenige Verse davor einen wichtigen Hinweis. Es ist ein Absatz, der nicht sehr bekannt ist. Wohl deshalb, weil ihn die meisten Menschen – die meisten Prediger*innen eingeschlossen – nicht verstehen und deshalb überlesen und nicht erinnern.

Es geht dabei um das innere Licht: „Das Auge gibt dem Menschen Licht. Wenn das Auge klar ist, dann ist der ganze Mensch von Licht erfüllt. Wenn aber das Auge schlecht ist, dann ist auch der ganze Mensch im Dunkeln. Wenn nun das an euch dunkel wird, was euch Licht geben soll, wie schrecklich wird dann die Dunkelheit sein!“ (Die gute Nachricht Mt. 6, 22-23).

Jesus lehrt Yoga

Jesus spricht dabei von dem Auge in der Einzahl. Darin sind sich auch alle Übersetzungen einig. Nun haben aber die meisten Menschen zwei Augen im Kopf. Warum sagt er dann nicht „die Augen“? Die Antwort ist ganz einfach: Weil er nicht die physischen Augen meint, sondern das 3. Auge in der Mitte der Stirn, zwischen den Augenbrauen, das Stirnchakra oder Ajna-Chakra. Jesus spricht hier über Yoga!

In Indien malen sich viele Menschen einen Punkt oder 3 weiße Striche als Symbol für Shiva auf diese Stelle. Die Bedeutung des 3. Auges ist dort also allgemein bekannt. Und auch Jesus – dieser große Yogi – wusste darum und sprach auch darüber. Aber hast du schon jemals in einem Gottesdienst einen Pfarrer über das 3. Auge sprechen gehört? Oder gar eine Anleitung erhalten, wie du es reinigen und öffnen kannst? Ich jedenfalls nicht, obwohl ich in meinen jungen Jahren viele Gottesdienste besucht habe, sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche.

Wir sind göttliches Licht

Und das, obwohl diese Passage in einer zentralen Stelle der Bibel steht, in den Evangelien von Matthäus und Lukas. Bei Lukas (Lk. 11, 34 – 36) ist es sogar noch deutlicher. Da steht zum Schluss (hier finde ich die Luther-Übersetzung besser): „Wenn nun dein Leib ganz licht ist, dass er kein Stück von Finsternis hat, dann wird er so licht sein, wie wenn ein Licht mit hellem Blitz dich erleuchtet.“ Das erinnert mich an ein Gedicht des islamisch-hinduistischen Mystikers Kabirs, wo er schreibt, dass in dem göttlichen Leuchten das Strahlen von Millionen Sonnen und Monden verblasst.

Das Licht, um das es hier geht, ist das Licht des reinen Gewahrseins, das aufscheint, wenn alle sinnlichen Wahrnehmungen und Gedanken zur Ruhe kommen. Es ist das, was wir in unserer Essenz wirklich sind. Es ist auch das Licht, das im Augenblick des Sterbens aufscheint, wie viele Nahtoderfahrungen zeigen.

Nur mit Yoga-Wissen wird die Bibel verständlich

Nur mit diesem Verständnis, dass Jesus hier vom 3. Auge spricht, gibt der ganze Absatz Sinn, vor allem, wenn man ihn im Kontext mit dem vorangegangenen und dem nachfolgenden Absatz liest. (Diese Reihenfolge gibt es allerdings nur bei Matthäus. Bei Lukas steht sie an anderer Stelle.)

Zuerst spricht er davon, dass wir unsere Schätze nicht auf der Erde sammeln sollen, wo Motten und Rost sie zerfressen und Diebe sie stehlen können, sondern im Himmel (unserem Inneren), wo sie unvergänglich sind. Und dann gibt er einen Hinweis, was er damit meint. Es geht darum, das 3. Auge zu reinigen und zu öffnen. Wenn wir dieses Energiezentrum aktivieren, bekommen wir Zugang zu unserem höheren Bewusstsein und zu unserer Intuition. Wir können klarer sehen, im Sinne von höchster Weisheit und tiefstem Verstehen. Wir können erkennen, dass wir im Grunde unseres Wesens reines Licht sind. Außerdem liegt in diesem Energiezentrum enorme geistige Kraft. Jesus fordert uns also auf, Yoga zu praktizieren!

… und alles andere wird euch dazu geschenkt

Die frohe Botschaft, die danach folgt, finde ich besonders erfreulich. An die Aufforderung, unserer spirituellen Entwicklung (der Suche nach dem Reich Gottes) die oberste Priorität einzuräumen, uns nach innen zu wenden und das 3. Auge zu öffnen, ist eine Verheißung geknüpft: Und alles andere wird euch dazu geschenkt.

Es ist also keine Entweder-Oder-Entscheidung. Es geht nicht darum, uns in eine Höhle zu verkriechen und auf alles andere zu verzichten. Vielmehr ist es so, dass wir alles andere, was uns wichtig ist und was wir wirklich brauchen, sowieso bekommen werden, auch dann, wenn wir uns nicht vorrangig darum kümmern, sondern all unsere Bestrebungen auf die Suche nach dem Reich Gottes ausrichten.

Denn je mehr wir es in uns verwirklicht haben, desto mehr werden wir von Gott geführt. Oft ergibt sich dann vieles von selbst. Scheinbare Zufälle und glückliche Fügungen stellen die Weichen in unserem Leben. Die richtigen Informationen fallen uns zur richtigen Zeit zu. Wir ziehen genau die Menschen an, die uns weiterhelfen. So brauchen wir uns dem Leben nur noch hinzugeben.

Die Prioritäten richtig setzen

Wenn wir unsere Prioritäten richtig setzen – das Wichtigste zuerst – dann geht sich auch alles andere noch aus. Das ist auch meine eigene Erfahrung. Obwohl ich in den letzten 10 Jahren bis zu 4 Stunden täglich meiner Yogapraxis widmete, konnte ich daneben noch im Jugendamt arbeiten und Geld verdienen, meine Yogakurse geben, das Haus ausbauen, eine Wohngemeinschaft gründen, den Yogaraum und schließlich auch noch die Krebsberatung aufbauen. Und daneben meinen Haushalt führen und täglich frisch und gut kochen.

Wenn also jemand behauptet, er hätte keine Zeit, einen Yogakurs zu besuchen oder regelmäßig zu praktizieren, so ist das nie richtig. Jeder hat 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Es ist immer nur eine Frage der Prioritätensetzung. Ist es dir wichtig, den Schatz in deinem Inneren zu heben? Hat es für dich oberste Priorität, weil es nichts Wertvolleres in dieser Welt zu entdecken gibt? Wenn du diese Frage mit „Ja“ beantworten kannst, dann wird sich immer die nötige Zeit dazu finden. Wenn du hingegen lieber an der Oberflächlichkeit der Welt hängen bleiben willst, wirst du immer eine Ausrede finden, warum das nicht geht.

Das „Ja“ zu deinem wahren Wesen

Mir selbst geht es so, dass ich dieses „Ja“, zu dem ich mich schon in meiner Jugend klar bekannt habe, immer wieder und wieder erneuern muss. Denn immer wieder gibt es Ablenkungen, gibt es Aufgaben, die meine Aufmerksamkeit binden und die Suche nach dem Reich Gottes in den Hintergrund treten lassen, auch in den letzten 21 Jahren, in denen ich die regelmäßige Meditationspraxis nie unterbrochen habe.

Impulse von außen können dabei meiner Erfahrung nach eine große Hilfe sein. Solche Impulse möchte ich in meinen Yogakursen geben, vor allem

  • im Yoga Vertiefungskurs, wo ich Yoga-Praxis mit Yoga-Philosophie verbinde. Heuer wird es um Chakren, Nadis und die Kundalini-Energie gehen. Und damit natürlich auch um das 3. Auge.
  • Im Meditationskurs, wo du eine gute Einführung erhältst, wie du eine regelmäßige Meditationspraxis etablieren kannst, ohne andere Yoga-Techniken wie Asanas und Pranayama.
  • Und zu den Yoga-Wochenenden, wo du die Möglichkeit hast, tiefer in die Praxis von Yoga und Meditation einzutauchen.

Die Yoga Basiskurse wiederum können erste Impulse für Einsteiger sein, um einen Geschmack von Yoga zu bekommen. Nutze die Gelegenheit und melde dich jetzt zu einem für dich passenden Kurs an.

Für die Yogakurse gilt übrigens: Und alle anderen werden dir dazu geschenkt!

7 Gedanken zu “Suchet zuerst das Reich Gottes …”

  1. Jesus als Meister darzustellen und noch dazu einen Bibelvers zu „vergewaltigen“, um daraus eine angebliche Rede Jesu über das „3. Auge“ zu drehen, macht mich traurig und beinahe sprachlos. Dazu habe ich aber Gott sei im wahrsten Sinne gedankt die Heilige Schrift als Gottes Wort, um euch zu sagen: Jesus ist Gott (Trinität), kam als wahrer Mensch (Gottes Sohn) auf diese Welt und ist für uns Sünder*innen gekreuzigt, gestorben, begraben und am 3. Tage auferstanden. Er sitzt zur Rechten Gottes. Von dort wird er kommen, zu richten, die Lebenden und die Toten. Jesus ist kein aufgestiegener Meister und schon gar nicht hat er über Yoga gepredigt oder über ein „3. Auge“ gesprochen! Jesus in einem Atemzug mit „und alle anderen großen Meister“ zu nennen ist also aus christlicher Sicht absolut unangebracht und aus biblischer Sicht falsch. Du sprichst hier nicht vom biblischen Jesus, dem einzigen wahren Herrn Jesus Christus!
    Der angeblich so falsch verstandene Bibelvers spricht über das Auge im Sinne des Herzens, der inneren Einstellung. Aber nur wer die Bibel als Ganzes liest und (esoterikfrei) studiert, weiß, dass Gott an einigen Stellen der Bibel das Auge synonym mit dem Herzen verwendet. Aus esoterischer Sicht wäre es mir auch ganz neu, dass das 3. Auge gut oder böse sein kann. Und Gott sei Dank spricht kein Priester über das 3. Auge oder gar über Jesus als Yogi. Es gibt also kein 3. Auge, das man öffnen muss. Es gibt nur Jesus – ER ist das Licht der Welt. ER ist deines Fußes Leuchte. Das heißt, dass Jesus allein es ist, dem wir folgen sollen. Denn nur durch ihn kommen wir zum Vater.
    „Suchet zuerst das Reich Gottes“ hat nichts mit einer Suche in dir drin zu tun, sondern damit, dass du Gott lieben sollst anstatt den schnöden Mammon (all die irdischen Reichtümer), wie es in der Bibel heißt. Du sollst an Gott glauben und der Weg zu ihm führt nur durch Jesus. Das ist gemeint mit der Suche nach dem Reich Gottes.
    Ich bete zu Gott, dass alle Anhänger*innen von Esoterik, die Jesus als Yogi oder aufgestiegenen Meister verunglimpfen, verstehen, dass der einzige Weg Jesus selbst ist. Es gibt kein höheres Bewusstsein und nicht wir sind reines Licht, wahre Essenz oder dergl. JESUS IST DAS LICHT DER WELT. Nur wenn wir unser Auge rein halten (unser Herz, unsere Einstellungen) und uns zu einem Leben mit ihm bekennen, sind wir gerettet. Nur mit Bibel-Wissen wird verständlich, dass Yoga und Co. Irrlehren des Widersachers sind!

    Die ewige Suche nach dem wahren Glück der Esoteriker*innen hört übrigens sofort auf, wenn wir erkennen, dass wir nur eine einzige Sache tun müssen: An den biblischen Gott glauben und seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus, der für uns am Kreuz gestorben ist und uns damit das ewige Leben schenkt, indem wir unser Leben ihm hingeben (nicht uns dem Leben hingeben…). So einfach ist Leben!

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    1. Liebe Uli,

      danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich schätze es sehr, dass du dich mit meinen Blogs so intensiv auseinandersetzt, dass wir in einen Dialog kommen können.

      Den Begriff „aufgestiegener Meister“ habe ich nie verwendet. Ich weiß gar nicht, was das sein soll. Wenn ich von Meister spreche, dann meine ich damit einen spirituellen Lehrer, der die Wahrheit (nämlich seine Einheit mit Gott) erkannt hat und seine Jünger darin unterweist, wie sie diese ebenfalls erkennen können. Jesus war ein solcher Meister und wurde von seinen Zeitgenossen auch als solcher angesprochen. Er war aber zweifellos nicht der einzige. Meister dieser Art hat es seit Jahrtausenden immer gegeben und gibt es auch heute. Vor allem in Asien gibt es da eine lange Tradition.

      Ein guter Meister wird übrigens nie andere Menschen von sich abhängig machen, sondern, im Gegenteil, die Schüler dazu anleiten, dass sie selbst die Wahrheit erkennen und erfahren, denn nur nachgeplappertes Wissen bringt gar nichts.

      Ich selbst bin seit 15 Jahren bei einer Meisterin und das Allererste, worauf ich als Neuling dort geachtet habe, war, wie die Schüler mit ihr umgehen. Werfen sich alle zu Boden, wenn sie den Raum betritt? Müssen sie ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe abgeben? Wird sie kritiklos angehimmelt oder ist Widerspruch geduldet? Wenn ich auch nur im Geringsten das Gefühl gehabt hätte, dass es da irgendwie autoritär-sektenmäßig zugeht, wäre ich sofort wieder geflüchtet. Das hätten mein kritischer Geist und meine Freiheitsliebe nicht ausgehalten.
      Vielmehr sagte sie: „Glaubt nichts. Glaubt auch mir nichts. Überprüft alles.“ Das war und ist für mich bis heute ein guter Leitsatz.

      Von blindem Glauben halte ich gar nichts. Es geht um eigene Erkenntnis, eigenes, unmittelbares Erfahren.
      Das lateinische Wort „fides“ wäre viel besser mit Vertrauen oder Gottvertrauen übersetzt als mit Glauben. Denn Glauben heißt „nicht wissen“. Gottvertrauen ist aber Gewissheit aus Erfahrung. Das ist ganz etwas anderes.

      Warum sollte Jesus „Auge“ sagen, wenn er „Herz“ meint? Da könnte er ja gleich „Herz“ sagen. Warum sollte er seine Zuhörer so verwirren? Schließlich will er ja etwas vermitteln. Also, diese Interpretation ist schon sehr weit hergeholt.

      Ja, wir sollen Gott lieben. Da stimme ich vollkommen zu. Aber wie geht das? Wenn wir einen Menschen lieben, möchten wir so viel wie möglich mit ihm zusammen sein, nicht? So ist es auch mit Gott. Und das Zusammensein mit Gott geschieht durch das Sich-Versenken in den eigenen Geist. Das nennt man Meditation oder Kontemplation. Und das ist Yoga.

      Aufgrund deines eigenen spirituellen Entwicklungsweges ist für mich vollkommen einleuchtend, dass du jetzt einmal die Mythen der konventionellen christlichen Religion vertrittst. Das ist der logische nächste Schritt, nachdem du dich aus der Umklammerung sektiererisch-esoterischer Gruppen gelöst hast, wo offenbar das magische Denken dominierend war. An dem Punkt, wo du jetzt stehst, ist das passend. Und wenn du damit glücklich bist, will ich dir da jetzt auch nichts anderes einreden.

      Es gibt aber auch sehr viele Menschen, die diese Entwicklungsphase bereits hinter sich haben. Die mit einer mythisch interpretierten Religion längst nichts mehr am Hut haben, weil die Vorstellung, dass Jesus von allen anderen Menschen ontologisch verschieden ist, indem nur er göttlich ist und alle andere nicht, einem kritischen rationalen Denken nicht standhält. Schon gar nicht, dass es Gott nötig hat, seinen Sohn grausam hinrichten zu lassen, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen. Was ist daran Liebe? Ginge das nicht viel weniger blutrünstig?

      Die Mehrheit der Menschen hat sich von so einem Glauben abgewandt, weil es seit der Aufklärung eine Kluft gibt zwischen einer modernen Gesellschaft, die von rationalem, wissenschaftlichem Denken geprägt ist und einem mythischen Glauben, in dem die Bibel wörtlich genommen wird und solche Lehren vermittelt werden. Viele dieser Menschen sind Atheisten oder Agnostiker geworden und haben jede Form der Religiosität über Bord geworden, weil sie glauben, dass alles, was damit zu tun hat, prärational ist. Die werde ich wahrscheinlich auch nicht erreichen.

      Viele spüren aber, dass der rationale Materialismus auch nicht das Ende der Fahnenstange sein kann und irren herum, z.B. in der Esoterik-Szene. Diesen Menschen will ich aufzeigen, dass es auch eine transrationale Spiritualität gibt, also eine Spiritualität, die nicht im Widerspruch zu Wissenschaft und rationalem Denken steht, sondern darauf aufbaut und darüber hinaus geht. Die Bibel wie auch andere heilige Schriften lassen sich auf vielen Ebenen interpretieren: magisch, mythisch, rational, psychologisch, mystisch usw.

      Die Kirche tut sich schwer, sich von ihrem mythischen Weltbild zu lösen. Deshalb kam es zur Zeit der Aufklärung zu einer Trennung zwischen Kirche und Staat. Die Gesellschaft hat sich von der mythischen zur rationalen Entwicklungsstufe weiterentwickelt. Die Kirche konnte da nicht mit. Das ist auch sehr verständlich. Nicht nur, weil die Kirche da sehr viel Macht verloren hätte. Der Übergang von der mythischen zur rationalen Entwicklungsstufe ist ein sehr schwieriger. Wenn das mythische Gottesbild stirbt, geht auch viel Wertvolles verloren, was die mythische Entwicklungsstufe zu bieten hat: Sicherheit, Klarheit, Erhabenheit. Es wird sehr nüchtern und oft auch einsam.

      Dieser Entwicklungsschritt ist noch schwieriger als der, den du gerade vollzogen hast: von der magischen zur mythischen Stufe. Die gute Nachricht ist aber: Gott ist damit nicht tot. Nur das Gottesbild verändert sich. Die Sicht auf die Person Jesu verändert sich. Und der Weg geht weiter. Und kann sogar viel reicher und tiefer werden.

      Das Hauptproblem der mythischen Entwicklungsstufe ist der Anspruch, die einzig wahre Religion für sich gepachtet zu haben. Diese Anschauung ist der Nährboden für Kreuzzüge, Glaubenskriege, Hexenverbrennungen, Terroranschläge und Intoleranz gegenüber Menschen anderer Glaubensrichtungen. Das Gemeinsame und Verbindende aller Religionen wird erst auf den höheren Entwicklungsstufen erkannt.

      Wenn ich von spirituellen Entwicklungsstufen spreche, hat das übrigens überhaupt nichts mit Esoterik zu tun. Das ist reine Sozialwissenschaft. Diesbezügliche Forschungen haben ergeben, dass sowohl Individuen als auch Gesellschaften im Laufe der Evolution Entwicklungsstufen durchschreiten, die immer in derselben Reihenfolge ablaufen. Das gilt für die kognitive Entwicklung, das Wirtschaftssystem, die Gesellschaftsstruktur und vieles andere, eben auch das Gottesbild. Wobei die unteren Entwicklungsstufen integriert und transzendiert werden, also nach wie vor zur Verfügung stehen. Sie sind nicht schlechter als die höheren, so wie ein Kind nicht schlechter ist als ein Erwachsener.

      Wenn du dich eingehender mit spirituellen Entwicklungsstufen im christlichen Kontext befassen willst, empfehle ich dir das Buch Gott 9.0, geschrieben von der evangelischen Theologin Marion Küstenmacher und zwei Co-Autoren.

      Ja, auch ich wünsche dir Gottes Segen auf deinem Weg.
      Alles Liebe
      Dechen

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      1. Ich bete für euch alle, die auf dem Irrweg sind, dass ihr erkennt, dass man NICHTS tun muss, um erlöst zu werden und damit das ewige Leben nach diesem einen hier auf Erden zu bekommen. Keine Meditationen, keine Kontemplation, kein Yoga oder weitere esoterische Praktiken sind notwendig, um von Gott gerettet zu werden. Es gibt auch keine Stufen von Erkenntnis, spirituelle Entwicklungsstufen oder ähnliche Bewertungen. Nichts davon steht in der Bibel, rein gar nichts. Im Gegenteil, sie warnt genau davor. In diesem Sinne ist nicht überall, wo Theologie draufsteht auch Theologie drin (siehe Buchtipp Gott 9.0).

        Solus Christus, sola scriptura, sola fide, sola gratia. Es ist wirklich so einfach.

        Gottes Segen für dich und alle Leser*innen.

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      2. Mir ist klar, dass jemand, der auf einem fundamentalistischen Standpunkt steht wie du (mein Glaube ist der einzig Richtige, alle anderen sind auf dem Irrweg), mit Entwicklungsstufen nichts anfangen kann. Aber vielleicht andere Leser. Wenn du mit deinem Glauben glücklich bist, habe ich kein Problem damit. Dennoch wäre es vielleicht gut, nicht über Dinge zu urteilen, die du nicht kennst und dich ein Stück weit für die Möglichkeit zu öffnen, dass es in Gottes weiter Welt auch noch etwas geben könnte, was du nicht weißt und dass auch du dich irren kannst (nicht nur in der Vergangenheit).

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      3. Die Bibel irrt sich nicht, daher sind Urteile, Bewertungen, Meinungen oder Standpunkte (für mich) vollkommen irrelevant. Es geht nicht um „meinen“ Glauben oder um angebliche Entwicklungsstufen. Ich habe übrigens über nichts geurteilt, was ich nicht kenne, und ich bin immer für Gottes Wort offen – nicht aber für Irrlehrende, die Gottes Wort zur Untermauerung ihrer Irrlehren missbrauchen.
        Ja, genau, die Leserschaft kann sich selbst damit auseinandersetzen und sie hört hoffentlich auf den Heiligen Geist, der ihnen sagen wird, welchen Weg sie beschreiten sollten. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man dem biblischen Jesus folgt (und keinen irdischen Meister*innen) und daran glaubt, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist. Amen.

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      4. Also, zunächst einmal: Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist ein Buch, das über Jahrhunderte von vielen verschiedenen Autoren geschrieben wurde, die großteils nicht einmal bekannt sind. Auch die Evangelien wurden erst Jahrzehnte nach Jesu Tod geschrieben, von Menschen, die ihn nicht persönlich gekannt haben. Sie setzt sich also aus vielen verschiedenen Texten zusammen, die zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Autoren mit unterschiedlichem Hintergrund, unterschiedlichen Beweggründen und an unterschiedliche Adressaten geschrieben wurde. Die Bibel, wie wir sie heute kennen, ist eine Auswahl von zahlreichen Schriften, die schließlich in mehreren Etappen – über Jahrhunderte hinweg – zu einem Buch zusammengefügt wurden. Die Bibel in der heutigen Form gibt es erst ca. seit dem 4. Jahrhundert nach Christus, ist also von Jesu Lebzeiten schon ziemlich weit weg. Bei der Auswahl der Texte, die in die Bibel aufgenommen wurden, spielten theologische, aber auch politische Gründe – das Christentum war zu dieser Zeit unter Kaiser Konstantin bereits Staatsreligion – eine Rolle. Außerdem wurde manche Manuskripte, z. B. das Thomas-Evangelium, erst später gefunden.

        Wenn du die Bibel genau liest, wird dir auch auffallen, dass sie etliche Widersprüche beinhaltet. Das fängt schon damit an, dass es zwei völlig verschiedene Schöpfungsberichte gibt. Und in den 4 Evangelien werden dieselben Geschichten in verschiedenen, sich oft widersprechenden Details erzählt. Allein daraus ergibt sich, dass man nicht alles, was in der Bibel steht, wortwörtlich als alleinige Wahrheit interpretieren kann.

        Zweitens wurde die Bibel mehrmals übersetzt. Eine Übersetzung ist nicht immer ganz einfach, wenn es sich um Sprachen handelt, die völlig anders aufgebaut sind und wenn ein Begriff mehrere Bedeutungen hat. So kann also durch die Übersetzung auch noch viel vom ursprünglichen Sinn verloren gehen. Z.B. gilt als sehr wahrscheinlich, dass es nicht das Kamel ist, dass eher durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel kommt, sondern ein Seil, was auch mehr Sinn ergibt. Die Worte für Kamel und Seil im ursprünglichen Text klangen einfach sehr ähnlich, wodurch es irrtümlich zu dieser falschen Übersetzung kam. Manchmal war diese auch absichtlich. Z.B. wurden bestimmte weibliche Personen durch eine Änderung der Namensänderungen vermännlicht, weil man nicht wollte, das Frauen in der Kirche eine Rolle spielen und Ämter übernehmen.

        Und drittens lässt sich sehr wohl die Bibel auf verschiedenen Ebenen verstehen. Das hat nichts damit zu tun, ob die Bibel sich irrt, sondern hängt vom Verständnis des Lesers ab.

        Du beurteilst sehr wohl, was du nicht kennst, wenn du das Buch Gott 9.0 als Irrlehre bezeichnest, obwohl du weder das Buch gelesen hast noch die Autoren kennst. Und ich glaube kaum, dass du mehr von Theologie verstehst als die besten und bekanntesten Theologen, die es im deutschen Sprachraum gibt.

        Der biblische Jesus war zunächst einmal ein ganz irdischer Prediger, der Jünger um sich versammelt hat, genauso wie das andere zu allen Zeiten getan haben und auch heute noch tun. Ich habe übrigens überhaupt nichts gegen den biblischen Jesus, ganz im Gegenteil. Er war ein großartiger Weisheitslehrer und seine Lehren sind auch heute noch hochaktuell. Aber das ist genau der Punkt: Das, was Jesus uns gegeben hat, sind seine Lehren. Und nicht sein grausamer Tod, auch wenn dieser vielen Menschen, die verfolgt werden, Halt und Orientierung geben mag.

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