Das höchste Prinzip im Yoga – Ahimsa

Ghandi

Viele Menschen assoziieren mit Yoga in erster Linie körperliche Verrenkungen oder eine gute Methode sich zu entspannen. Doch im Yoga geht es um weit mehr als um Körperstellungen und Entspannungstechniken. So werden z.B. im Yogasutra, einer der wichtigsten Yogaschriften, von den acht Gliedern des Yoga an erster Stelle die Yamas genannt, grundlegende Umgangsregeln, die für alle Menschen gelten, nicht nur für Yogis. Und das erste und wichtigste Prinzip, das allen anderen übergeordnet ist, ist Ahimsa. Himsa heißt töten, verletzen, schaden. Das vorangestellte A ist eine Verneinung. Ahimsa bedeutet also nicht-verletzen, nicht-schaden. Manchmal wird es auch mit „Gewaltlosigkeit“ übersetzt.

Das erste Mal begegnete ich diesem Begriff, als ich mich als Jugendliche mit dem Leben Mahatma Gandhis beschäftigte, das mich tief beeindruckte. Mir wurde damals klar, was für eine ungeheure Kraft in der Haltung von Ahimsa steckt und was für eine ungeheure Herausforderung. Wer es nötig hat zuzuschlagen, andere körperlich oder verbal zu verletzen, zu beleidigen, zu demütigen, herunterzumachen oder sich auch nur in Gedanken damit befasst, anderen zu schaden oder sich zu rächen, tut dies immer aus einer Position der Schwäche heraus, sei es aus Hilflosigkeit oder aus Charakterschwäche. Ahimsa kann nur praktizieren, wer innerlich stark ist. Gar nicht die Möglichkeit zu haben Gewalt auszuüben oder aus purer Angst nicht zu wagen aufzumucken oder sich zu wehren, hat mit Ahimsa nichts zu tun.

Ahimsa können wir in allen Lebensbereichen, in nahezu jeder Situation praktizieren. Es betrifft Handlungen, Worte und Gedanken. Aber auch Nicht-Handeln oder Schweigen dort, wo es nötig wäre, etwas zu tun oder zu sagen, um gegen Unrecht oder Gewalt aufzustehen, kann eine Verletzung des Prinzips von Ahimsa sein, etwa wenn wir wegschauen, wie Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken oder der Nachbar sein Kind schlägt.

Ahimsa betrifft andere Menschen, Tiere, die Natur und unsere Erde, individuelle Handlungen und gesellschaftliche Strukturen, die ja auch von Menschen geschaffen werden. Oft tun wir gedankenlos und routinemäßig Dinge, die anderen schaden, weil es so üblich ist, weil wir es gar nicht anders kennen oder schon so gewohnt sind. Etwa wenn wir als Konsumenten Produkte möglichst billig haben wollen ohne uns dafür zu interessieren, wie diese produziert wurden. Wie viele Ressourcen (Wasser, Öl, Bodenfläche, Regenwald …) sie verschlingen, wie die Produzenten behandelt und entlohnt werden, wie viele Schadstoffe in Boden, Luft und Wasser gelangen, wie viel an menschlichem und tierischem Leid sie verursachen, wie viel Problemmüll sie hinterlassen usw.

Und natürlich betrifft es auch den Umgang mit uns selbst. Viele Menschen fügen sich ständig selbst Schaden zu, sei es, dass sie mit Zigaretten, Alkohol und anderen Drogen, denaturierten Nahrungsmitteln und Chemikalien, zu wenig Schlaf und Bewegung ihren Körper kaputt machen oder durch die Zufuhr von zu vielen nutzlosen, falschen und negativen Informationen ihren Geist zumüllen. Oder wenn sie sich selbst einreden, zu dumm, zu schwach, zu unfähig, zu wenig wert … zu sein. Dazu gehört auch, ob wir in ausbeuterischen, krankmachenden, nicht unserer Wesensnatur entsprechenden Strukturen verharren, weil wir glauben, es gäbe dazu keine Alternative. Das kann vieles betreffen: unser Arbeitsverhältnis, Wirtschaftssystem, Geldsystem, politisches System, Bildungssystem, Kirche, familiäre Bindungen usw.

Ahimsa im Umgang mit uns selbst betrifft auch die eigene Yogapraxis. So zu praktizieren, dass wir uns nicht selbst verletzten, ist das oberste Prinzip. Also: kein falscher Ehrgeiz. Schmerz ist immer eine Grenze, die beachtet und nicht überschritten werden soll.

Keinem Menschen wird es gelingen, immer gewaltfrei zu agieren und nie einem Wesen Schaden zuzufügen. Das ist nicht möglich, so lange wir leben. Aber wenn wir das Prinzip des Ahimsa ernst nehmen, können wir uns ständig darum bemühen, Gewalt zu vermeiden, wo immer uns das möglich ist. Wobei es gar nicht immer so einfach ist zu entscheiden, welche Handlung denn nun dem Prinzip des Ahimsa am nächsten kommt, etwa wenn ein gewaltsamer Eingriff nötig ist, um einen schwerwiegenderen Gewaltakt an Schwächeren zu verhindern. Hier ist sorgsames, kluges Abwägen ohne Emotionen nötig. Ich erlebe das z.B. in meiner Arbeit im Kinderschutz.

Manchmal kann es auch schwierig sein, die richtigen Worte, den richtigen Tonfall oder das richtige Maß in unserer Reaktion zu finden, wenn wir mit Situationen konfrontiert sind, die wir nicht akzeptieren können. Im Umgang mit unseren Kindern, in der Auseinandersetzung mit Partner, Chef, Kollegen, Nachbarn usw. oder im politischen Diskurs. Ahimsa ist kein Klein-Beigeben, kein Sich-Raushalten und auch kein weltfremdes, abgehobenes Ideal, sondern ein permanentes Ringen um die richtige Entscheidung. Um die Entscheidung, die das Wohl des Ganzen im Auge behält im Bewusstsein, dass wir alle ein Leib sind, dass alles, was wir anderen antun, irgendwann auf uns selbst zurückfällt, dass Gewalt immer wieder von Neuem Gewalt hervorruft. Ahimsa bedeutet, diese Spirale der Gewalt zu durchbrechen durch eine Haltung der Gewaltlosigkeit, die im Zweifel lieber bewusst Leid auf sich nimmt als selbst zum Gewalttäter zu werden. So gesehen hat Ahimsa auch sehr viel mit Ostern zu tun.

Nun lade ich dich ein zu einem Gedankenexperiment: Wie würde unsere Welt aussehen, wenn jeder tut, was er will, aber dabei nur dieses eine Prinzip beherzigt?

 

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